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Ausgabe Juli 2017
Atembewusstsein. Von Wolf Sugata Schneider

Auch bei der Fokussierung können wir dem Atem die Treue halten

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Immer mal wieder fragen mich Menschen, was ich denn als einfache Methode empfehlen würde, um bei sich selbst anzukommen. Meist sage ich dann: Der Atem ist es. Verfolge deinen Atem mit deiner Aufmerksamkeit, fokussiere darauf, so oft du kannst. Achte auf deinen Atem, begleite ihn, sei damit - möglichst ohne ihn verändern zu wollen. Einfach nur beobachten, das genügt. Manchmal will man ihn vertiefen oder verstärken, um sich lebendiger zu fühlen, energievoller, auch das ist gut, aber das lässt nach einer Weile nach. Dann kann man, wie der Trostspruch bei Sportwettkämpfen lautet, sagen: Dabei sein ist alles! Hier ist es wirklich die Zauberformel der Akzeptanz: Sei Zeuge deines Atems! Dann wird er sich im Lauf der Zeit ganz von allein verändern. Er wird entspannter werden, fließender, und du wirst mehr Lebensenergie empfinden als bisher.

Zerstreuung
Warum verlieren wir uns immer wieder in so vielen Details? Warum lassen wir Ablenkungen zu, wenn es doch genügt, bei etwas zu bleiben, das wir schon kennen, das wir schon gefunden haben, das genug ist und sich als positiv wirkungsvoll erwiesen hat? Seltsam, wie sehr wir menschlichen Wesen uns immer wieder woandershin locken lassen, obwohl wir doch schon alles bei uns haben. Die Achtsamkeit auf den eigenen Atem zu lenken, genügt als Weg in die Stille, zu sich selbst, in die Entspannung, als Weg ins Herz, als spiritueller Weg. Dort zu bleiben, die Aufmerksamkeit dort zu halten ist allerdings schwerer als es zunächst scheint. Wusch…, weg sind wir, meist schon nach Sekunden und wenden uns einem weniger langweiligen Thema zu als dem eigenen Atem.
Du bist nicht der Einzige, der sich ablenken lässt, allen geht es so. Dann heißt es zurückzukehren zum Atem, und zwar ohne Selbstvorwürfe, denn diese wären wieder eine neue Ablenkung. Der neue Atemzug, dem du deine Aufmerksamkeit schenkst, nimmt es dir nicht übel, dass du dem vorigen untreu geworden bist und dich hast ablenken lassen. Er sonnt sich in deiner Achtsamkeit, als hättest du noch nie im Leben etwas falsch gemacht. Du kannst immer neu anfangen, mit jedem neuen Atemzug und erfahren, dass dem Anfang ein Zauber innewohnt. Fang an! Der Zen-Geist ist der Geist des Anfängers, so hat Shunryu Suzuki das ausgedrückt, und das gilt auch für den Atem. Beobachte diesen einen neuen, aktuellen Atemzug, als hättest du noch nie einen versäumt und hättest es in Sachen Achtsamkeit noch nie verzockt. Heute ist der erste Tag deines neuen Lebens, mit diesem Atemzug beginnt es.

Vielzweckmittel
Beim Bezeugen des eigenen Atmens hilft auch die Fähigkeit zum Multitasking. Egal wohin es dich zieht, lasse immer einen Teil deiner Aufmerksamkeit beim Atem bleiben, während du dich einem neuen, gerade aktuellen Thema zuwendest. Den Atem kannst du als verblassten - Grafiker würden sagen ,angegrauten' - Hintergrund auf dem Bildschirm deiner aktuellen Aufmerksamkeit stehen lassen, während du dich neuen Themen zuwendest. Dieses Vorgehen hat mehrere Vorteile:
o Du verlierst den Zugang zu deinen Gefühlen auch bei starker Fokussierung auf etwas anderes nie ganz.
o Anhaftungen geschehen dabei mit einem Klebstoff geringerer Stärke, sie lösen sich danach leichter.
o Beim Atem zu bleiben ist gut für deine Gesundheit.
o Atembewusstsein erhöht deine Sozialkompetenz, weil deine Gedanken und Gefühle dann freundlicher miteinander umgehen.
o Atembewusste Menschen unterdrücken, verdrängen und projizieren weniger, das macht sie zu angenehmeren Mitmenschen.

Absichtslos?
Wie ist das nun mit der Absichtslosigkeit und Ziellosigkeit, diesen in spirituellen Kreisen so hochgehaltenen Ansprüchen? Einerseits sollen wir klar sein in dem, was unsere Ziele und Absichten anbelangt und in Bezug auf unsere Lebensvision. Andererseits wird unter spirituellen Menschen ständig die Absichtslosigkeit gefeiert, wie passt das denn zusammen? Ebenso beim Atem: Der soll einerseits absichtslos einfach nur beobachtet, bezeugt werden; andererseits ist er ein wertvolles Hilfsmittel im Sport und bei gedanklichen Leistungsanforderungen, bei Prüfungen, Bühnenauftritten, Rettungseinsätzen und anderem. Das Ganze fängt schon beim Pranayama im Yoga an: Lenke deinen Atem durch dein linkes Nasenloch - absichtslos??? Wie soll das denn gehen …

Hintergründe dürfen verblassen
Auch hier hilft es, das Bewusstsein des Atems im Hintergrund verblassen zu lassen. Vergiss den Atem nie völlig, das wäre die Devise, dann kannst du dich auch nie mehr völlig verlieren. Und was ist mit der Hingabe? Nimm den Atem mit in den Bungeesprung deiner tiefen Hingabe. Oder mach es wie mit der Frage "Wer bin ich?", die der indische Weise Ramana Maharshi als einzig wichtige und auch ausreichende Frage so genial promotet hat: Wenn du auf einer Landstraße zum Überholvorgang ansetzt, als Chirurg einen Blinddarm zu entfernen hast oder dabei bist, im Kinderzimmer einen Brand zu löschen, weil dein Jüngster dort mit dem Feuerzeug gespielt hat, dann dürfen die Frage, wer du bist, und dein Atembewusstsein mal in den Hintergrund treten, die Welt braucht dich gerade für was anderes. Lass beides für den Moment gegen Null gehen, aber ohne es völlig aus der Welt zu schaffen. Du wirst auch nach dem Brandeinsatz noch gesund und glücklich sein wollen, mit Gedanken und Gefühlen in Harmonie - und deinen Jüngsten unverletzt in den Armen halten wollen.

Der Atem in der Therapie
Nicht nur in der Meditation, auch für therapeutische Zwecke lässt sich der Atem wirkungsvoll einsetzen, was zu einer Vielfalt von Atemtherapien geführt hat. Als Beispiel möchte ich hier nur die Hyperventilation aus dem Rebirthing nennen und den yogischen Feueratem (Kapalabhati). Beides energetisiert den Körper und kann Gefühlsblockaden lösen bis hin zum Wiedererleben alter Traumata, sogar des Geburtstraumas. Das sollte besser unter therapeutischer Anleitung gemacht werden, nur sehr erfahrene Meditierer dürfen sich zutrauen, damit unbegleitet zu experimentieren.
ABS - Atem, Bewegung, Stimme - ist dabei die therapeutische Zauberformel. Wen das ans Antiblockiersystem seines Autos denken lässt, der liegt dabei nicht völlig falsch: Atem, Bewegung und Stimme sind die drei mächtigsten und einfachsten Mittel der Wiederbelebung eines erstarrten Körpers und einer in Routinen festgefahrenen Psyche. Bewegung und Stimme lösen die Erstarrung, der Atem kann den Vorgang anfachen, fügt ihm das Gewahrsein hinzu und integriert das Erlebte.

Was ist wesentlich?
Dreißig Jahre lang habe ich eine Zeitschrift herausgegeben und sie "das Magazin fürs Wesentliche" genannt, weil ich in der kaum überschaubaren Vielfalt der Welt mir immer die Frage stellte: Was ist wesentlich? Worauf kommt es wirklich an?
Heute kann ich getrost sagen: Auf den Atem kommt es an. Und das gilt auch für jedes weltliche - außenweltliche - Engagement. Wenn du dein Bewusstsein auf deinen Atem lenkst, sei es als Hauptfokus oder als Begleiter bei anderen Fokussierungen, kannst du eigentlich nichts falsch machen. Auch psychotherapeutisch und körperpsychotherapeutisch ist der Atem in seiner Bedeutung unübertroffen. Lass uns darauf einen Atemzug nehmen - diesen hier, jetzt! Und auch beim Denken, Fühlen, Intuieren und in der sinnlichen Hingabe kann man sich des eigenen Atems gewahr sein - sogar beim Lesen.

Wolf Schneider, Jg. 52. Autor, Redakteur, Kabarettist. 1971-75 Studium der Wissenschaftstheorie. 1975-77 in Asien. 1985-2015 Hrsg. der Zeitschrift Connection. Blog: www.connection.de


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