aktuelle Seite: ARTIKEL   
Ausgabe Mai 2017
Yin und Yang

Vom Primat des Weiblichen zur Vereinigung der Gegensätze. Von Sugata Wolf Schneider

art93067
© ipivorje - Fotolia.com

Vergrößern hier klicken.
Äonen lang die Welt zu betrachten, eine Welt, in der alles eins ist, da langweilte sich Gott, besagt eine alte Legende aus Indien. Und als sie nun so den zeitlosen, unendlichen Raum mit ihrem Geist durchwanderte, fragte sie sich, wie da ein bisschen mehr Leben in die Bude zu bringen wäre - und erschuf Mann und Frau. In einer anderen Variante dieses Mythos' teilte sich Gott entzwei in Mann und Frau, und zwar so, dass die beiden nicht ohne einander sein konnten. Zumindest konnten sie sich nicht ohne einander fortpflanzen, aber auch so vieles andere ging nicht so gut, wenn man es als Mann oder Frau allein machte.

So sind die Geschlechter entstanden, da haben wir nun das Schlamassel. Wir müssen uns einigen, um Frieden zu haben auf der Welt, im Privaten ebenso wie in der Politik. Sich zu vereinen genügt nicht, wir müssen uns auch einigen, das ist der schwierigere Teil. Das wussten auch schon die alten Chinesen und erfanden deshalb die Lehre von Yin und Yang, auf der auch das I Ging aufbaut, das uralte Buch der Wandlungen.

Der Taoismus
Die taoistische Lehre und das Buch der Wandlungen sind vermutlich mehr als 3.000 Jahre alt. In gewisser Hinsicht kulminieren sie im Daodejing von Laozi, aus dem 6. Jahrhundert v.u.Z., dem vielleicht tiefsten und schönsten Weisheitstext, den menschliche Kultur je hinterlassen hat. Dieser hymnische Text spricht von der Überlegenheit des Weiblichen gegenüber dem Männlichen, des Nachgiebigen gegenüber dem Harten, des Tiefen gegenüber dem Hohen und preist deshalb das Wasser, das immer den tiefsten Punkt sucht, von wo es nicht mehr tiefer fallen kann: "Das höchste Gut gleicht dem Wasser. Das Gute des Wassers ist, dass es den Menschen nützt, ohne sich auf Streit einzulassen. Es fließt selbst dahin, wo kein Mensch sein mag; deshalb ist das Wasser nahe dem Tao."

Das Yin des Wassers und des Weiblichen
Der Weg des Wassers ist der Weg der Flexibilität, Geschmeidigkeit und Hingabe. Hindernisse werden vom Wasser nicht konfrontiert, sondern umgangen, oder besser: umflossen. Der stete Fluss rundet auch den größten Felsen, der stete Tropfen höhlt auch den härtesten Stein. Wasser ist bescheiden, es erklimmt keine Höhen, sondern fließt nach unten. Immer wählt es die niedrigste Stelle im Land, um von dort zu noch niedrigeren zu fließen.

So ziehen die Flüsse in eleganten Windungen und doch kaum bezähmbar ihren Weg. Sie tragen einen Namen und sind doch niemand und nichts Bestimmtes, denn ihr Inhalt wechselt ununterbrochen. Kein Tropfen bleibt, wo er ist, nur das Bett des Flusses hat Konstanz. Obwohl ihr Wasser nie dasselbe ist, erreichen Flüsse wie der Nil oder der Hoang-Ho ebenso wie mancher kleine Bach ein Alter von Jahrmillionen; viele von ihnen gibt es schon länger, als es Menschen gibt. Kaum ein Molekül der Wassermassen des Amazonas wird nach seinem Weg zum Meer wieder an derselben Stelle niederregnen wie letztes Mal, und doch bleibt der Amazonas der Amazonas.

Solche Eigenschaften des Wassers machten es für die taoistischen Weisen des alten China zum Vorbild. Der Staat und die privaten Geschäfte sollten nach dem Vorbild des Wassers geführt werden: leicht und geschmeidig; nicht auf harte Konfrontation und Konkurrenz setzend, sondern bescheiden, duldsam und rezeptiv.

Die Männer, sind sie "noch im Kopf"?
Es waren weibliche Eigenschaften, denen die Taoisten damit den Vorzug gaben. In einer auch damals schon längst nicht mehr weiblich bestimmten Gesellschaft sollten diese Eigenschaften nicht nur den Frauen, sondern ebenso den regierenden Männern zum Erfolg verhelfen, und auch heute noch gelten diese Empfehlungen, in unserer immer noch patriarchalen Welt. Laozi scheint mit dem Daodejing etwas von der vorpatriarchalen Zeit in die 3.000 Jahre männlicher Dominanz hinübergerettet zu haben. Etwas, an das wir heute noch anknüpfen können, sowohl in der politischen Diplomatie wie im Privaten - Männer können das ebenso wie Frauen.

Ebenso können wir das, was den heute so gerne gehypten Kopf-Herz-Gegensatz anbelangt. Männern wird viel häufiger nachgesagt, dass sie "noch in der Birne" seien als Frauen. Sie seien mental gesteuert statt emotional oder intuitiv, mit einer klaren Bewertung: Das Herz ist besser! Dabei ist auch dieser Gegensatz ein mentaler und der Vorwurf in seiner Emotionalität "vom Mind" (dem anerlernten Verstand) gesteuert, und eben gerade nicht herzlich. Den in Gedanken Verlorenen liebevoll zu begegnen, wäre der bessere Weg, oder auch Bewunderung zu äußern vor einem scharfen Verstand. Der bengalische Mystiker Ramakrishna soll einem Logiker gegenüber, der ihm einen lückenlosen Beweis lieferte, dass es Gott nicht geben könne, voller Bewunderung geäußert haben: "Wow, was für ein Geschenk!" und dankte dabei, zu Tränen gerührt, seiner geliebten Göttin Kali für dieses kaum glaubliche Wunder.

Das Yin-Yang Symbol
Noch einen Schritt weiter als nur ein Loblied zu singen auf das Nachgiebige, Tiefe und und Herzliche geht das Yin-Yang Symbol der ineinander übergehenden Wellen. Schwarz und Weiß, Hell und Dunkel, Yin und Yang, das Starke und das Schwache, die Gegensätze bedingen einander; sie sind einander Ursache und gehen im Fluss des lebendigen Geschehens ineinander über. So symbolisiert dieses Zeichen ein Dasein jenseits der Gegensätze, wie keine andere Kultur der Welt es in so schlichter Schönheit hervorgebracht hat.

Gilt auch im Yin-Yang Symbol noch das Primat des Weiblichen? In der urzeitlichen Symbolik hat das Weibliche Vorrang, denn aus der Mutter kommen wir. Die Rolle des Vaters wurde uns Menschen erst viel später bewusst, und sogar heute noch bleibt für den Vater ein Zweifel: "Mothers baby, fathers maybe", heißt es dazu auf Englisch. Die Mutterbindung des Kindes ist die erste, normalerweise bleibt sie auch die stärkere, zumindest in den ersten zehn Jahren, und so ist es auch evolutionsgeschichtlich: Wir kommen aus dem Mutterbauch, nicht aus dem Vaterbauch. Der Samen ist winzig, das Ei ist groß.

Es bleibt spannend!
Gott erfand damals die Trennung in Mann und Frau, mit dem ,kleinen Unterschied', zu dem damals, kurz nach der Französischen Revolution, in der Nationalversammlung, als es um die Gleichheit der Geschlechter ging, der berühmte Einwand kam: "Vive la petite différence! Es lebe der kleine Unterschied". Heute würden wir sagen: Die Evolution erfand diesen ,kleinen Unterschied', sie erfand die Sexualität, weil sie das beste Mittel ist, um Vielfalt zu erzeugen und Vielfalt bessere Überlebenschancen hat als Einfalt, Gleichheit und die Monokulturen.

Wir brauchen die Trennung, die vielen kleinen und großen Unterschiede für so vieles: Spannung, Erregung, Schönheit, Dynamik. Zugleich schätzen und brauchen wir jedoch auch ein Bewusstsein der Einheit, in der alle Widersprüche aufgehoben sind. Dafür gibt es das Symbol der Lemniskate, das in der Typografie und Mathematik das Symbol für die Unendlichkeit ist. Dort geht das eine in das andere über, der eine Pol in den anderen, seinen Gegenpol. Im Dreidimensionalen finden wir diese Unendlichkeit im Möbiusband dargestellt: Wenn ein Käfer auf diesem Band immer weiterläuft, findet er sich schließlich, ohne je die Seite gewechselt zu haben, auf der Rückseite der Bandes wieder, auf dem er begann.

Wolf Schneider, Jg. 52. Autor, Redakteur, Kabarettist. 1971-75 Studium der Wissenschaftstheorie. 1975-77 in Asien. 1985-2015 Hrsg. der Zeitschrift Connection. Seitdem Leben mit Flüchtlingen.


Weitere Informationen werden im Archiv nicht angezeigt.