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Ausgabe April 2017
Beitragsreihe 2017 von Andreas Krüger Homöopathisches Heilmittel: Vanilla - Gott riechen


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Bild: © hurca.com - Fotolia.com

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H. Schäfer: Der Frühling steht vor der Tür. Was gibt es aus homöopathischer Sicht?

Andreas Krüger: Vanilla ist das heutige Stichwort. Eines der wichtigsten Heilmittel der heutigen Zeit - jedenfalls in meiner Praxis - und seit Menschengedenken einer der wichtigsten Duftstoffe - ob parfüm- oder nahrungsmitteltechnisch, die wir Menschen anwenden und von denen wir uns beeinflussen lassen. Heute wissen wir, dass der Geruch, gerade wenn es um die Liebe und das Begehren geht, der wichtigste Faktor der Anziehung und Verbindung ist. Die Idee, dass wir uns in Menschen verlieben, weil sie auf eine ganz bestimmte Art und Weise aussehen oder gekleidet sind, hat ja die Wissenschaft schon vor Jahren ad absurdum geführt. Stattdessen hat sie festgestellt, dass es die Art ist, wie ein Mensch riecht, die uns auf ihn reagieren lässt oder ob wir ihn nicht riechen können oder ob wir unsere Riechbarkeit ihm gegenüber verloren haben. Man weiß z.B., dass auf der Beziehungsebene sogenannte Pheromone ganz stark für Anziehung oder Nicht-Anziehung verantwortlich sind und dass sich unsere Riechzellen nach einer gewissen Zeit - manche Wissenschaftler sagen drei Jahre - an diese Pheromone gewöhnen können und dann dadurch ein Nachlassen an Attraktivität bei dem Partner eintritt, den wir im gewissen Sinne überrochen haben. Ein neuer Geruch kann uns dann wieder ins Lodern bringen.

Was hat Vanilla zu einem wichtigen Heilmittel gemacht?

Ich will zwei Dinge vorausschicken. Zum einen kommt zu Himmelfahrt der Gestaltlehrer Leonard Shaw aus Seattle nach Berlin, der seit 2011 Seminare über Liebe und Vergebung anbietet, wo es hauptsächlich um das innere Kind geht. Bei ihm lernen wir, dass wir uns auf einer erwachsenen oder ausgereiften Ebene nur dann begegnen können, wenn unsere inneren Kinder in Sicherheit und Frieden sind. Wenn sie das nicht sind, begegnen wir uns in Liebesbeziehungen nicht auf der Ebene des erwachsenen, ausgereiften Ichs, sondern fast immer auf der Ebene des bedürftigen Kindes. Leonard hat mal den schönen Satz gesagt, dass in 99 Prozent aller Ehestreitigkeiten sich nicht die Erwachsenen streiten, sondern es schlagen irgendwelche verlassenen und bedürftigen Kinder aufeinander ein. Es gibt aber Möglichkeiten, diese Bedürftigkeiten nachzunähren.

Und das kann man als Erwachsener nachholen?

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, das Kind nachzunähren mit dem, was ihm in seiner Kindheit gefehlt hat. Wenn ein Kind sechs Jahre lang nicht den Satz "Ich liebe dich" gehört hat, dann kann dieser Mensch diesen Satz überhaupt nicht verarbeiten, weil er keine Rezeptoren dafür hat. Wenn Menschen immer wieder dazu neigen, unglücklich verliebt zu sein und nach Beendigungen von Liebesbeziehungen das Gefühl haben, dass sie sterben, muss man zuerst nach dem inneren Kind gucken. Bevor man in eine Paartherapie geht, sollte man immer herausfinden, was das innere Kind braucht. Erst wenn das satt ist, kann ich meinem Partner auf einer erwachsenen Ebene begegnen. Denn der ist nicht für mein inneres Kind zuständig - genauso wenig wie ich für seins. Unser inneres Kind konnten nur unsere Eltern nähren oder wir selber hier und jetzt.

Vanilla hilft dabei?

Mit Vanilla kommen wir an die Essenz der Störung. Wir sind als Kind von unseren Eltern existenziell abhängig. Und da wir mit unserem archaischen Bewusstsein verbunden sind, gibt es eine Ebene, die erlebt hat, dass der Wegfall unserer Eltern oft zu einer existenziellen Bedrohung führte, die mit unserer realen Situation überhaupt nichts mehr zu tun hat.

Was ist das wichtigste Vanilla-Symptom?

Es ist das wichtigste Mittel für schweren seelischen Schock. Im Gegensatz zu Ignatia, der eher hysterisch reagiert, wenn er verlassen wird, ist Vanilla das Mittel bei existenzieller Bedrohung. Der Vanilla-Schock, der durch den Verlust eines Partners entsteht, hat eine viel stärkere Intensität und wird in dem Moment der Trennung so erlebt, als wenn das Leben eine totale Wendung einnimmt. Der Vanilla-Schock beinhaltet einen absoluten Umbruch und wirft die Person in einen Zustand, der als die tiefste Krise seines Lebens erlebt wird.

Und das Leitsymptom von Vanilla?

Wenn Vanilla verlassen wurde, empfindet sie es als die tiefste Krise ihres Lebens. Hier ist es wirklich das Gefühl, durch diese Verstoßung sterben zu müssen. Der Vanilla-Mensch beschreibt dieses Trauma als ein unendlich schwarzes Loch, für das er in seinem Zustand keine emotionale Beschreibung mehr hat - außer völliger Vernichtung. Er spricht von Fassungslosigkeit, tiefster Betroffenheit und Entsetzen. Dagegen gibt uns Vanilla ein Gefühl von tiefer Liebe.

Warum?

Eine der primärsten Erinnerungen ist die Milch unserer Mutter, die nach Vanille roch. Das heißt, wenn wir auf die Welt kommen und die Brust unserer Mutter schmecken, werden wir den Geruch von Vanille in der Nase haben. Vanille bedeutet für uns Einheit und Sicherheit. Ein Trauma bei einem Vanille-Patienten ist, dass die Mutter mit einem Mal weg war - aus welchem Grund auch immer. Auf dieser archaisch-kindlichen Ebene haben wir erlebt, dass derjenige, der nach Vanille riecht, wieder verschwindet. Diese Querkopplung - ein geliebter Mensch geht und ich sterbe - das ist die Essenz der Vanille-Erkrankung.

Nach Ramana Maharshi gibt es einen Bewusstseinszustand, wo wir uns nicht getrennt, sondern als all-eins erleben. Und das erleben wir auch, wenn wir eine Vanilla-Qualität in uns tragen, auf der Beziehungsebene. Hier ist es aber eine Täuschung, denn wir befinden uns immer noch in einem Zustand der Dualität. Zu denken, dass ein anderer Mensch mich ungetrennt macht, kann sich zwar kurzfristig so anfühlen, hat aber mit wirklichem Ungetrenntsein nichts zu tun. Es gibt Leute, die hatten die Hand auf dem Knie ihres Geliebten und das Gefühl: Nur dafür hat Gott diese Hand geschaffen, dass sie dieses Knie berührt. Und dadurch haben sie eine Rückerinnerung an einen Zustand des Ungetrenntseins hervorgerufen. Der Irrtum des Vanille-Kranken ist, dass er denkt, dass ein anderer Mensch ihn in diese Ganzheit zurückführen kann. Es gibt viele Geschichten über Dualseeligkeit, Zwillingsseelen oder Doppelwesen. Ich glaube, die primäre Wahnidee der Vanille-Krankheit ist, dass selbst wenn ich das subjektive Erleben des Ungetrenntseins habe - durch einen anderen Menschen - selbst wenn ich mein Du im Ich kurzfristig erkenne, muss es immer als ein Zwischenschritt gesehen werden zu einem nicht mehr personenbezogenen Erkennen von Nicht-Zweiheit. Denn solange ich dieses Erkennen an einem anderen festmache, ist es immer zerstörbar.

Welche Glaubenssätze heilt Vanilla?

Es heilt die Wahnidee, in meinem Gegenüber das zu finden, was mich nicht dual sein lässt. Ich kann vielleicht kurzfristig das Gefühl von Getrenntsein in meinem Gegenüber erleben, muss aber wissen, dass das nicht das Ziel meines Weges ist, sondern - wie es Vywamus sagt - dass das Ziel meines Weges das Gewahrsein von Ungetrenntsein ist. Dann kann ich mich immer noch verlieben, aber es wird diese schwarzen Löcher nicht mehr geben, es wird diese Vernichtungsgefühle nicht mehr geben und es wird auch nicht mehr diese romantische Verklärtheit geben, im anderen das zu finden, was ich eigentlich in der Welt des Ungetrenntseins erlebe. Ich empfehle allen, die sich für dieses Thema interessieren, sich im Internet über Karl Renz zu informieren, der sich mit dem Thema "Nicht-Zweiheit" oder "Bewusstsein von ungetrennter Essenz" beschäftigt. Ein Sufi hat mal gesagt: "Gottes Achselschweiß riecht nach Vanille." Und das passt: Denn welches Wort wird beim Sex am meisten ausgerufen? "Mein Gott!" oder "Oh Gott!". Und da ist auch etwas Wichtiges dran, denn das Du ist eine Tür zu dem Ungetrennten, aber das Du ist nicht das Ungetrennte. Das zu realisieren, das macht frei und dabei hilft Vanilla.

Andreas Krüger ist Heilpraktiker, Schulleiter und Dozent an der Samuel-Hahnemann-Schule in Berlin für Prozessorientierte Homöopathie, Leibarbeit, Ikonographie & schamanische Heilkunst. Mehr über ihn unter andreaskruegerberlin.de

Buchtipp:
Heiler und Heiler werden
Andreas Krüger / Haidrun Schäfer
Klappenbroschur, 144 Seiten
ISBN 978-3-922389-99-6, EUR 14,80
edition herzschlag im Simon+Leutner Verlag


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