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Herz ist Trumpf. Von Iris H. Frankowiak

Wie Selbstliebe gelingen kann und wie man lernt bedingungslos zu lieben, sich selbst und andere

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Bild: © robsonphoto - Fotolia.com

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Es ist en vouge, gut drauf und erfolgreich zu sein, und das gelingt am besten, wenn wir uns lieben, wie wir sind. Viele Menschen merken bald, dass es mit ein paar Übungen zwei- oder dreimal die Woche nicht getan ist. Vielmehr handelt es sich um einen Prozess, der lebenslange Entwicklung und ständige Übung erfordert, und das nur, um zu lernen, im Hier und Jetzt zu leben und uns anzunehmen, wie wir sind.

Wer also schnelle Instant-Lösungen erwartet, wird enttäuscht. Der Autor Paul Ferrini empfiehlt in seinem Buch, Die Schlüssel zum Königreich, folgende transformierende Frage: Liebe ich mich in diesem Moment?" Nur der achtsame Umgang mit meinen Gedanken und inneren Dialogen schafft Raum, um mich in allen möglichen Situationen daran zu erinnern, dass ich selbst die Verantwortung dafür trage, ob ich mich geliebt fühle oder nicht.

Wie rede ich eigentlich mit mir?
Mit zunehmender Achtsamkeit beginnt mir aufzufallen, in welcher Weise meine inneren Monologe ablaufen. "Das kann ich gleich sein lassen, dafür interessiert sich niemand." oder: "Das habe ich ja noch nie gemacht. Also wird es nicht gelingen." oder: "Bin ich dafür überhaupt qualifiziert?". Manchmal schimpft man sich sogar im gleichen Wortlaut, wie es früher die Eltern oder Lehrer taten, was die gleichen schlechten Gefühle heraufbeschwört wie damals. Sobald mir also bewusst wird, wie ich mit mir gerade umgehe - ob ermutigend oder abwertend - habe ich die Wahl und kann mich dafür entscheiden, etwas anders zu machen. "Was bin ich nur für eine blöde … STOP!" Hier ist es von enormer Wichtigkeit anzuerkennen, dass man stets sein Bestes gibt, was gerade möglich ist. Zu erkennen, dass Fehler zum Leben und zur eigenen Entwicklung dazugehören, kann befreiend wirken. Nicht wenige Menschen sind darauf bedacht, perfekt und fehlerfrei zu sein. Doch mit diesem Vorhaben kann man nur scheitern.

Wie gehe ich mit meinen Gefühlen um?
Wohl kaum jemand möchte das Gefühl der Freude missen, wenn der lang ersehnte Job endlich ergattert ist. Und wer möchte wohl auf das Glücksgefühl verzichten, wenn man sein Neugeborenes zum ersten Mal im Arm hält? Gefühle machen das Leben reich und bunt. Und wie steht es mit den Unangenehmen, die wir mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln möglichst zu vermeiden suchen? Ungeduld, Ärger und Aggressionen halten wir nicht so gut aus, wollen wir so schnell wie möglich wieder loswerden. Der Umgang damit lässt die meisten von uns eher hilflos zurück, weil wir ihn in unseren Herkunftsfamilien nie gelernt haben. Aber auch diese Gefühle wollen angenommen und geliebt werden, und umso mehr wir dazu in der Lage sind, umso mehr steigt unser Selbstwert. Wir sind nicht mehr so sehr auf Lob und Anerkennung von außen angewiesen, weil wir uns selbst (wert-)schätzen, wie wir sind.

Eine einfache Übung
Einen Moment inne halten und aufkommenden Gefühlen Raum geben. Sie wie alte Freunde begrüßen und willkommen heißen. Das kann schon für große Entspannung sorgen. Achten wir dabei auf unseren Atem. Das bringt Gelöstheit. Kommen Tränen? Gut! Alles, was sich zeigt, gehört zu uns und ist liebenswert. Ein liebevoller Umgang mit mir selbst ist ein wichtiger Schritt hin zur Selbstliebe. In der Begegnung mit anderen Menschen geschieht es mir immer mal wieder, dass das Verhalten eines anderen Ärger oder Aggressionen hervorruft. Manchmal verfalle ich dann spontan in alte Muster und beklage mich darüber. Doch schon bald gelingt mir der Blick aus der Meta-Perspektive und ich entscheide mich dafür, auf konstruktive Weise mit dieser Situation umzugehen. Ich spüre meine Verletzlichkeit, umarme mich voller Mitgefühl. Übe mich in Geduld, gebe mir Zeit, um zu fühlen. Eine mögliche Herangehensweise ist, mich zu fragen, auf welchen von mir ungeliebten Persönlichkeitsanteil (Schatten oder blinden Fleck) mich der andere gerade hinweist. Vor einiger Zeit kam mir in einer solchen Situation der Gedanke, dass er mich an mein eigenes ungeliebtes (inneres) Kind erinnert. Das war sehr bewegend. Wieder brauchen die aufkommenden Gefühle Zeit und Raum. Dann habe ich mich gefragt, was dieser Anteil wohl bewirken könnte, wäre ich in der Lage, ihn ganz anzunehmen? Es dauerte gar nicht lange, ehe sich mir zeigte, dass ich dann zu bedingungsloser Selbstliebe fähig wäre. Aha, wieder das Thema Selbstliebe. Wie oft habe ich mich damit schon beschäftigt. Betroffenheit macht sich breit. Und dann war da plötzlich so ein Kinderstimmchen in mir, das vorschlug, ich könnte doch jetzt immer noch damit beginnen, liebevoll mit mir umzugehen. Liebe ist nichts, was ich auf Bestellung an- und ausschalten kann. Liebe kommt und geht. Lehne ich diese Tatsache ab und baue Widerstand auf, entferne ich mich noch mehr. Denn da, wo ich Widerstand aufbaue, muss ich mich nicht wundern, dass mir ebenfalls Widerstand begegnet. Mein Beitrag kann lediglich darin bestehen, zu akzeptieren, wie es gerade ist und die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass Liebe immer öfter Bestandteil meines Lebens und Handelns wird. Wer erkannt hat, dass alles dazugehört, wer sich selbst annimmt, wie er ist, der liebt wahrhaftig.


Die Autorin Iris H. Frankowiak ist systemischer Coach, Supervisorin, Dozentin und Trainerin und arbeitet als Business- und Personal-Coach in Berlin. Weitere Infos unter www.berufungsberatung-berlin.de


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