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Ausgabe April 2017
Die Weisheit des Herzens. Eine buddhistische Sicht von Anna Georgiew


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In unserem Alltagsverständnis begreifen wir das Herz oft als das Synonym für unsere Gefühle und den Verstand als die rationale Vernunft. In der buddhistischen Lehre sieht man das ganz anders. Der Geist steht für die Gedanken und Gefühle gleichermaßen, während das Herz gleichbedeutend mit wirklicher Weisheit ist. Gedanken und Gefühle werden im Buddhismus als sehr wechselhafte Zustände und Projektionen des Geistes gesehen, die einer Vielzahl von Bedingungen unterliegen und sich dementsprechend ständig ändern. Wir wachen am Morgen nach einem guten Schlaf auf, die Sonne scheint, der Kaffee schmeckt uns, wir denken "was für ein wunderbarer Morgen" und sind positiv gestimmt. Aber dann widersprechen die Kinder, wir stoßen uns den Zeh oder die Bahn kommt zu spät. Wir geraten in Stress oder ärgern uns. Erleben wir im weiteren Tagesverlauf angenehmere Dinge, ändert sich unsere Laune auch wieder. Jemand macht uns ein Kompliment für unsere gute Arbeit oder ist nett zu uns, schon gibt es wieder gute Gedanken und Gefühle. Mehrmals am Tag erleben wir, wie unser Geist mit verschiedensten Bewegungen auf äußere Bedingungen reagiert und nie stabil bleiben kann.

Das Herz hingegen verkörpert im Buddhismus eine andere Dimension. Es steht für wirkliche, beständige Weisheit. Herzensweisheit. Das Herz offenbart das Potenzial aller fühlenden Wesen zur Buddhaschaft, sei es nun Ameise, Biber oder Mensch. Es ist unser aller wahre, unveränderliche, ursprüngliche Natur, welche schon immer da war und immer da sein wird. Auch wenn wir sie nicht erkennen, weil wir zu beschäftigt sind, uns Sorgen darüber zu machen, wie andere wohl über uns urteilen oder was es wohl zum Mittagessen gibt. Das Herz ist es, was wir wirklich sind, jenseits der sorgen- oder freudvollen Illusionen unseres Geistes. Wir erfahren die Herzensweisheit in den Momenten, in denen wir bedingungslos geben, erwartungslos lieben und bewertungsfrei mitfühlen.

Es gibt den buddhistischen Witz, der sagt, dass die Bodhisattvas (also die Erleuchteten, die wieder inkarnieren, um auch allen anderen zur Erleuchtung zu verhelfen) in Wahrheit die klügsten Egoisten im Universum sind. Warum? Weil sie zwar alle anderen fühlenden Wesen in den Mittelpunkt stellen, den anderen alles geben, aber genau damit das meiste für sich selbst herausholen. Was ist damit gemeint?

Aus Sorge, zu kurz zu kommen und zu wenig zu haben, denken wir mitunter zuerst an uns selbst und nicht an alle anderen. Damit haben wir auch oft kurzfristigen Erfolg, das zu erreichen, was wir wollen. Langfristig erzeugen wir aber Hindernisse, die uns dann wieder auf die Füße fallen. So kann diese Haltung z.B. unserer Gesundheit, der Umwelt oder unserem Miteinander Schaden zufügen. Und so, wenn auch nicht beabsichtigt, schaden wir doch auf diese Art auch anderen fühlenden Wesen. Wenn wir uns aber um alle kümmern, dann sind wir selbst automatisch mit in das Gute eingeschlossen. Deswegen sind buddhistische Gebete immer allen fühlenden Wesen gewidmet.
Manchmal merken wir, dass wir spontan helfen, ohne ersichtlichen Vorteil für uns selbst. Wir sehen, wie sich jemand mit einem schweren Koffer abschleppt oder wie eine Biene sich im Zimmer verirrt hat und haben den spontanen Impuls zu helfen, tun es auch und erwarten nichts zurück. Die Handlung selbst ist vollkommen und macht uns glücklich. Wenn man diesen Pfad im Leben verfolgt und diese Motivation pflegt, dann wird man wahrhaft glücklich, stabil und gesund. Man hat mehr Frieden und Freude. Das Herz kann uns den wahren Sinn unseres Lebens zeigen und es bringt liebende Freundlichkeit. Das große Herz wird im Buddhismus Bodhicitta genannt und ist die Quelle der Erleuchtung. Jede und jeder von uns ist dazu in der Lage.

In der buddhistischen Lehre des Dzogchen geht es um das Erkennen der relativen Struktur und des großen Potenzials, dieser wahren Natur, die in uns ist. Die relative Struktur zu erkennen, zeigt uns, wie unser Leben funktioniert und wie alles miteinander zusammenhängt. So können wir unser Leben genießen, ohne das Leiden des Lebens abzulehnen. Wir sind vorbereitet. Der Buddha hat als erstes über die Wahrheit des Leidens gelehrt. Im Dzogchen folgen wir dem Herzen und erfahren so unsere wahre Natur. Dann gilt es, diesen Zustand aufrecht zu erhalten. Die Weisheit des Herzens zeigt uns den Weg.


Zur Autorin: Dipl. Psych. Anna Georgiew ist seit 8 Jahren Schülerin von Dzogchen Rinpoche. Sie arbeitet als Psychotherapeutin in ihrer eigenen Praxis in Berlin.
Mehr Informationen unter www.shenpendeutschland.org


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