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Wo bist du zu Hause? Von Sugata Wolf Schneider

Auch die auf dem Weg der Befreiung suchen Heimat, Bindung, Geborgenheit

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Wo sind wir als Menschen beheimatet? Wann sind wir bei uns selbst angekommen, geborgen und fühlen uns dort richtig, wo wir gerade sind? In Zeiten der massenhaften Migrationen stellen sich diese Fragen intensiver als sonst. Und es sind auch nicht nur Migrationen aus einem Land, aus dem einige von uns vor Krieg, Armut oder Unterdrückung flüchten, wir migrieren oft auch von einer Sprache in eine andere, manchmal nur aus dem Dialekt der Kindheit in eine Hochsprache, manchmal zur Sprache des Lebenspartners oder Berufs. Wir migrieren aus unserer Herkunftsfamilie in einen neuen Freundeskreis, eine soziale Wahlheimat, die uns Geborgenheit gibt – vielleicht, wenn es denn glückt. Die Beheimatung des Menschen ist für mich eines der spannendsten Themen überhaupt, deshalb habe ich mein aktuelles Buchprojekt dem gewidmet. Wo sind wir als individueller Mensch zuhause? Wo als Gruppe, Gemeinschaft, Kollektiv, Paar, Familie oder Nation? Was braucht es, damit ich mich endlich als angekommen empfinde?

Hinausgehen in die Heimatlosigkeit
Der Buddha hat die Urinitiation in den spirituellen Weg Pabbajja genannt, auf Deutsch: Hinausgehen in die Heimatlosigkeit. Als ich diese Initiation als 23-jähriger in Thailand erfuhr und damit buddhistischer Mönch wurde, wollte ich nicht an einem neuen Ort landen, sondern nur frei sein, erleuchtet, ohne Anhaftung. Heute sage ich: Aufbrechen in die Heimatlosigkeit ist gut, aber was dann? Müssen wir als spirituelle, sich bewegende Wesen immer dort draußen bleiben, im Unbehausten, in der Heimatlosigkeit? Immer nur loslassen üben, nie ankommen dürfen? Das kann es doch nicht sein! Die spirituelle Reise als eine in der Heimatlosigkeit, im Bindungslosen verweilende empfinde ich heute als unvollständig. Und diejenigen, die sich als dort, im Niemandsland Beheimatete erklären, als Erleuchtete, Erwachte, Befreite, empfinde ich oft als Menschen, die ihre Gebundenheit und Beheimatung verdrängen, so wie früher in unserer Kultur Sexualität verdrängt wurde. Wir Menschen aber suchen Heimat und Geborgenheit so sehr, wie wir das Atmen brauchen und sexuelle Wesen sind. Das Atmen, die Sexualität und das Bedürfnis anzukommen kann man nicht ungestraft verdrängen.

Der Körper als Tempel
Zumindest in einem Körper sind wir schon mal beheimatet. Hoffentlich! Wer das nicht ist, braucht vielleicht ein paar Sessions in Bioenergetik, Rebalancing oder Rolfing, von diesen nur gehemmt Inkarnierten wissen die Körpertherapeuten ein Lied zu singen, das ist ihre Zielgruppe. Ehe du nicht richtig inkarniert bist, kannst du nicht transzendieren, sagen sie. Und das gilt auch für das Geistige. Wir brauchen erstmal eine Zugehörigkeit, ehe wir sie transzendieren können. Wir schließen uns einer Clique an, einer Partei oder Weltanschauung, einer Religion oder spirituellen Gruppe, und wenn unser Land es nicht geschafft hat, uns zu Voll-Patrioten zu machen, dann wollen wir wenigstens einer Fußballmannschaft zujubeln können. Dann erst, nach dieser Zeit der Zugehörigkeit, beginnt der Weg der Transzendenz, des Loslassens und Sich-Befreiens. Und so wie bei jedem Flug auf das Abheben irgendwann eine Landung folgt, so folgt nach jedem Aufbruch ein Ankommen.

Alles hat ein Ende
Weisheit bedeutet nicht, im Schwebezustand zu verweilen, sondern zu wissen, dass jedes Ankommen relativ ist. Als gereifte Menschen landen wir, binden uns und wissen dabei doch, dass wir sterblich sind und alles ein Ende hat. Das braucht uns nicht in Angst zu versetzen, das Bewusstsein der Endlichkeit kann den Genuss am jeweiligen Landeplatz sogar noch verstärken. Alles ist begrenzt, und das Begrenzte verweilt in der Unendlichkeit. So zu tun, als könnten wir im Unendlichen selbst landen, ignoriert die menschliche, irdische Seite unseres Wesens. Wir können uns mit dem Unendlichen vertraut machen, in die Stille sinken, uns im Unbehausten frei fühlen und dort unsere Flügel ausbreiten, aber wir können dort nicht landen. Dass wir jemand sind, ein begrenztes Wesen, dass wir an einem Ort leben und nicht überall und nirgendwo, ist eine Fiktion. In dieser Fiktion zu leben ist jedoch notwendig, unerlässlich, unabdingbar, sie zu leben gehört zu unserem Wesen. Solange wir die Realität dieses Als-ob – zu leben, als seien wir ein Jemand, eine begrenzte Persönlichkeit – ignorieren, sind wir auf der Flucht und verdrängen einen Teil unseres Wesens. So wie der christliche Mönch oder indische Heilige, der versucht, Enthaltsamkeit zu leben und dabei entweder seine Vitalität verliert oder bis ans Ende von Versuchungen verfolgt wird.

Home is where your heart is...
...sagt ein englisches Sprichwort. Können wir dort, wo unser Herz ist, eine Heimat finden? Wo unsere Gefühle Ja sagen, dort sind wir beheimatet, soweit klar. Aber was, wenn die Gefühle ambivalent sind? Was, wenn sie schnell wechseln oder sich nicht entscheiden können, wo ist dann meine Heimat? Um uns gut zu beheimaten, müssen wir im Leben – im Berufs- ebenso wie Privatleben – eine Tiefe finden, in der nicht mehr so viel schwankt. Dazu müssen wir uns selbst gut kennen. Eine gute Beheimatung braucht ein hohes Maß an Selbsterkenntnis. Du musst dafür wissen, was du wirklich willst, und nicht nur, was du heute willst, sondern auch noch morgen und nächstes Jahr, sonst bleibst du ein zugleich Flüchtender wie Getriebener und "can´t get no satisfaction", wie Mick Jagger von den Stones einst sang.

Ankommen im Herzen
Es wird uns nicht Geborgenheit verschaffen, das Herz nur als das Kitsch-Chakra zu verstehen. Besser, wir verstehen unter Herz die Summe unserer Motivationen, eine Art Summenvektor aus allen unseren Strebungen. Dieser Vektor kann mal nach hier, mal nach dort deuten und auch Irrtümern folgen. Das mystische Herz des Angekommenen hingegen ist auf null gerichtet. Es ist im Hier & Jetzt angekommen, die Strebungen haben einander aufgehoben. Auch der Wunsch, das Streben aufzugeben hat sich im Dasein des Mystikers aufgelöst, du gehörst nun weder der Partei der Passiven noch der Aktiven an, sondern bist in der Mitte angekommen, zwischen allen Gegensätzen, im Bewusstsein deiner unentrinnbaren Subjektivität. Eine Subjektivität, die sich objektive Welten zwar permanent konstruiert und konstruieren muss, ihnen aber nie mehr verfällt, und ein solches Ankommen im Herzen gesteht auch jedem anderen Subjekt ein solches Ankommen zu.

Woran hängst du?
Wo bist du zu Hause, habe ich Maxem gefragt, den 40-jährigen syrischen Flüchtling, der bei mir im Haus wohnt und mit dem ich inzwischen gut befreundet bin. Bei mir selbst, sagte er und deutete dabei auf seine Brust, sein Herz. Dieses Herz ist in Bewegung. Es bindet sich an Länder und Landschaften, an Menschen, Sprachen, soziale und berufliche Umgebungen. Es hat Vorlieben und Abneigungen, es wächst und wandelt sich. Vor circa 60.000 Jahren sind wir alle – die Vorfahren aller heute lebenden Menschen – aus Afrika emigriert und hatten vermutlich eine dunkle Hautfarbe. In den gut 2.000 Generationen seitdem hat sich viel verändert. Dass wir uns beheimaten und diese Heimaten sich wandeln, hat sich nicht verändert.

Wolf Schneider, Jg. 52, Autor, Redakteur, Kabarettist, 1971-75 Studium der Wissenschaftstheorie, 1975-77 in Asien, 1985-2015 Hrsg. der Zeitschrift Connection,
Blog: www.connection.de


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