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Ausgabe März 2017
Zittern und Tanz

Bewegung mit hohem Spaßfaktor

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Was haben Tanz und Zittern gemeinsam? Und wie kann diese außergewöhnliche Kombination Stressabbau und positive therapeutische Effekte hervorrufen? Die Therapeutin (HP) Franziska Nürnberger und die Tanzpädagogin Carmen Rodina haben ein körperorientiertes Programm entwickelt, das Tanzmethoden und den von Dr. David Berceli entwickelten Ansatz „Tension and Trauma Releasing Exercises“ (TRE) zusammenführt. In diesem Gespräch sprechen sie über ihre jeweilige Praxis, den Körper als Medium und ihr gemeinsames Workshopangebot „TRE & TANZ“.


Aicha Diallo: Welche Vorstellungen hattet ihr, als ihr mit eurer jeweiligen Praxis angefangen habt? Inwiefern ist der Körper für euch ein Medium?

Carmen Rodina: Tanz und Bewegung sind in meinem Leben ein zentraler Anker. In manchen Lebensphasen wurde der Tanz auch zu einem rettenden Anker. Über den Tanz habe ich gelernt, eingefahrene Bewegungsmuster zu überwinden. Der Tanz ist ein wunderbares Medium, um zu kommunizieren, neue Räume zu erschaffen, überall auf der Welt.
Franziska Nürnberger: Als ich das erste Mal von TRE las und begann, zu praktizieren, habe ich es für mich gemacht. Ich wusste, ich war aufgrund meiner Geschichte nicht so lebendig, wie ich hätte sein können, es gab trotz Therapieerfahrung und -ausbildung vieles, was ich vermied. Der Körper ist mein Medium: zunächst, um überhaupt in den Körper zu kommen, und dann, um in Verbindung mit anderen zu kommen.


AD: Franziska, wie würdest du den von Dr. David Berceli entwickelten Ansatz „Tension and Trauma Releasing Exercises“ (TRE) beschreiben? Was hat dich dazu gebracht, diese Methode zu lernen und anzuwenden?

FN: Mit den TRE beleben wir einen natürlichen Reflex wieder. Jeder hat ihn, bei den meisten ist er wie „verschüttet“, einfach, weil es im Allgemeinen nicht angesagt ist, sich unwillkürlich zu bewegen. Zittern ist negativ besetzt. Die gute Nachricht ist jedoch, dass das leicht wiederzubeleben ist. Wiederbelebt reguliert dies das Nervensystem. Es wirkt sich tief entspannend, ausgleichend aus: auf den Körper, unsere Emotionen, unseren Umgang mit uns und anderen. Also nicht in Richtung „alles rosa sehen“, sondern wieder in die Kraft kommen, Ängste und schwere Erfahrungen rutschen auf einen Abstand, wo sie nicht mehr unser Verhalten bestimmen. Und das passiert, ohne, dass wir die Wunden wieder neu durchleben. Es ist neurophysiologische Arbeit, keine Therapie, sondern eine Selbsthilfe. Jeder sollte dies zur Verfügung haben.


AD: Carmen, Du arbeitest als Choreografin und Tanzpädagogin. Was bedeutet dein Konzept „Art of Global Dance“?

CR: „Art of Global Dance“ bedeutet für mich Weltoffenheit, Toleranz gegenüber anderen Kulturen, ein über den Tellerrand hinaus schauen. Bisher waren durch meine Arbeit in den verschiedenen Kulturkreisen, sei es in Taiwan, Mexiko, Kuba, Mali - jedes Mal eine besondere Begegnung mit dem Tanz, der auch ohne Worte und Schrift zu verstehen ist. Tanz berührt den ganzen Menschen, verbindet uns miteinander und öffnet Herzen, egal in welcher Kultur. So entwickelt sich seit 2007 meine Vision von einer grenzüberschreitenden, globalen Tanzkultur, im Sinne von Tanz als verbindender Brücke zwischen den Kulturen.


AD: Was sind Heilung und Gesundheit für euch?

CR: Bewegung und Tanz kann sehr heilsam sein, als Quelle der Freude, ein inneres Wachsen. Heilung heißt für mich: zu lieben, mich selbst anzunehmen, anzukommen in meinem Wesenskern, fähig sein zu reflektieren, achtsam mit mir und anderen zu sein. Nach meiner Erfahrung beginnt Heilung in mir, und es braucht manchmal kompetente, liebevolle Unterstützung und Verbündete. Aus diesem neuen Bewusstsein und der entstehenden neuen Kraft bin ich in der Lage, freier von mustergesteuertem Handeln zu werden und dadurch werden Veränderungen möglich.
FN: Heilung? Das bedeutet für mich, die Fähigkeit zu entwickeln zu lieben, Empathie zu haben, in Frieden zu sein bzw. zu kommen...


AD: Ihr bietet gemeinsam das Workshopprogramm “TRE & TANZ: Let it out! Let it move!” an. Wie seid ihr zueinander gekommen? Wie verbindet ihr TRE und Tanz zusammen?

FN: Wir haben uns im Zusammenhang mit TRE in Berlin getroffen - die Herzverbindung war von Anfang an da.
Bei TRE & TANZ wechseln wir immer wieder zwischen dem Zittern, also dem Reflex und dem freien Tanzen mit Musik, die wir extra zu Schwerpunktthemen aussuchen. Diese Kombination nimmt manchen Teilnehmenden offensichtlich die Schwere, die sie befürchten, wenn sie das erste Mal von TRE hören. Wir haben wirklich sehr bewegende Rückmeldungen zu dieser Zusammenführung erhalten.
CR: Auf der Suche nach innerem Wachsen und Heilung bin ich unter anderem auch dem TRE begegnet und ich habe dann mit der Fortbildung begonnen. Etwas später haben Franziska und ich uns kennengelernt, nicht im Rahmen der Fortbildung, aber im Zusammenhang mit TRE. Auch für mich war sofort eine tiefere Verbindung zwischen uns, durch unsere gemeinsamen Themen wie das Reisen, Tanz und natürlich TRE.
In dem Tanzteil bei unseren Workshops „TRE & TANZ“ geht es nicht um die Erweiterung der tanztechnischen Kompetenz, sondern um die Begegnung mit sich selbst in Tanz und Bewegung. Viele scheinen das Wort Tanz gleichzeitig mit perfektem Können und Technik zu assoziieren. Der Tanz hat jedoch viele Facetten. Tanz und Rhythmus sind pure Lebenskraft und können ein Schlüssel zu unserem Körper sein. Blockaden können gelöst werden und die Gefühle ins Fließen kommen. Das gleiche geschieht auch bei TRE, nur mit einem anderen Ansatz. In unseren Workshops arbeiten wir mit unterschiedlichen thematischen Schwerpunkten, wie z.B. mit Erdung, den Boden unter unseren Füßen und unseren Beinen als Basis spüren, Becken und Brustbein als Energiezentrum wahrnehmen. Dazu wählen wir unterstützende Musik. TRE & TANZ ist eine Zusammenführung, eine optimale Erweiterung, da es beides körperorientierte Ansätze sind, die uns den Zugang zu unserem Körper und unserer Lebendigkeit ermöglichen.

AD: Was ist eure Intention mit diesem gemeinsamen Vorhaben?

FN: Der TRE-Reflex und freie Bewegungen führen mich zu meinem ursprünglichen Kern und Ausdruck - ein sehr schöner Zustand, den ich schätze und leidenschaftlich gern teile.
CR: Der Kontakt zu unserem Körper und das Bewusstsein darüber ist etwas sehr Elementares. Leider geben wir dem oft viel zu wenig an Wertschätzung und Bedeutung. Für mich ist es z.B. ein glücklicher Moment, wenn ich von Teilnehmenden höre, dass neue Impulse nach solch einem Workshop in Bewegung gekommen sind. Dann haben wir mit unserer Arbeit die Menschen erreicht und das ist doch sehr sinnvoll. Deshalb ist es mir ein Bedürfnis, viele Menschen mit TRE & TANZ bekannt zu machen.

Mehr Infos zu:
Franziska Nürnberger auf www.traumaheilarbeit.de
Carmen Rodina auf www.art-of-global-dance.com


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