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Ausgabe März 2017
Beitragsreihe 2017 von Andreas Krüger Homöopathisches Heilmittel: Cantharis – der brennende Schmerz


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H. Schäfer: Welches Mittel steht in diesem Monat im Vordergrund?

Andreas Krüger: Das Thema unseres heutigen Gesprächs soll Cantharis – die Spanische Fliege – sein. Aber vorher möchte ich noch etwas über das Thema Signatur sagen. Eine Signatur ist die Art, einen Stoff zu betrachten, um dann das, was uns durch die Betrachtung dieses Stoffes offenbart wird, in Arzneimittelkenntnis umzusetzen. Es gibt auch den Weg der Arzneimittelprüfung, bei der ich nicht wissen muss, um welchen Stoff es sich handelt. Hier schlucke ich über einen gewissen Zeitraum einen Stoff und wenn Symptome auftreten, setze ich den Stoff wieder ab und notiere alle aufgetretenen Symptome. Diese werden mit den anderen der Prüfergruppe verglichen und die Symptome, die bei mehreren Menschen aufgetreten sind, werden als gesicherte Prüfungssymptome betrachtet.

Gibt es ein prägnantes Beispiel für eine Signatur?

Das Schöllkraut ist ein gutes Beispiel, denn es zeichnet sich durch seinen gelben Saft aus. Die Alten haben aus diesem Grund das Schöllkraut für Menschen eingesetzt, die gelb sind, also Leberprobleme hatten wie z.B. die Gelbsucht. Erst viel später konnte man durch chemische Analysen nachweisen, dass Schöllkraut Stoffe in sich trägt, die definitiv leberheilend und leberschützend sind. Wenn wir jetzt die Signatur auf unser Thema der Spanischen Fliege legen, sehen wir einen Käfer. Dieser Käfer war hunderte von Jahren vor Viagra oder anderen Potenzmitteln das wichtigste erotische Stimulationsmittel der Menschen des Mittelalters. Aber als Nebenwirkung trat bei fast allen ein starkes Brennen der Harnröhre und eine Entzündung der Geschlechtsorgane auf. Der berüchtigte Marquis de Sade tat Frauen, die er erotisch gefügig machen wollte, heimlich die Spanische Fliege in ihren Wein. Viele der Mädchen bekamen Nierenprobleme oder starben sogar, weswegen Monsieur im Gefängnis landete.

Passt das auch zur Signatur von Cantharis: „Wenn Liebe weh tut“?

Ja – zum einen, wenn Liebe weh tut, weil wir es „übertreiben“, uns also rein mechanisch überfordern. Aber auch, wenn Menschen ein großes Verlangen danach haben, in der Liebe einem anderen Menschen Schmerz zuzufügen oder für Menschen, die sich in der Liebe Schmerzen zufügen lassen, weil sie glauben, wenn sie das nicht tun, liebt sie der andere nicht. Ich finde alles im Leben schwierig – ob in der Liebe, Wirtschaft oder Didaktik – wenn ein Mensch mit einem anderen Menschen etwas tut, was der nicht will. Das passiert aber ständig und viele sind nicht in der Lage, sich dagegen zu wehren. Viele Menschen erzählen mir, dass in ihrer Kindheit Dinge mit ihnen gemacht wurden, die sie nicht wollten. Dazu gehören sadistisch-erotische Spiele bis zu quälenden Schmerzzufügungen – ich hatte eine Patientin, an der wurden Zigaretten ausgedrückt...Cantharis ist eines der wichtigsten Mittel für Brandblasen. Diese Patientin, die ich mit Cantharis heilen konnte, geriet immer wieder an Männer, die daran Spaß hatten, sie zu quälen. Sie aber war als gequältes Kind nicht in der Lage zu sagen, dass sie das nicht wollte. Sie machte das, was von ihr verlangt wurde, weil sie dachte, dass sie die Männer sonst verlieren würde. Aber sie litt sehr darunter, weil sie sich zum einen entwürdigt fühlte und zum anderen, weil es ihr einfach wehtat. Man weiß, dass bei jemandem, der in der Liebe etwas mit sich machen lässt, was er eigentlich nicht will, seine Harnröhre nicht genug abgedeckt ist. Und dann führen selbst kleinste Reize zu Harnröhrenentzündungen. Man sagt, dass Cantharis das wichtigste Mittel für die Honeymoon-Cystitis ist: Alles geht zu schnell, keiner weiß, wie es gut gehen könnte und schon haben Frauen eine satte Blasenentzündung. Jeden Tag werden in Deutschland von 10.000 Frauen Antibiotika eingenommen. Manche Frauen nehmen sogar nach jedem Geschlechtsverkehr prophylaktisch eine Tablette Bactrim, weil sie fast immer danach eine Blasenentzündung haben.
Wenn bei zu wenig Erregung die Labien nicht genug anschwellen, um die Harnröhre abzudecken, kann es leicht bei jedem Sex zu einer Harnröhrenreizung kommen. Es gibt extra Antibiotika für Frauen in Tütchen, die man überall mitnehmen kann. Meine Schüler haben mich auf den Film „Slow sex“ aufmerksam gemacht, bei dem der Schwerpunkt darauf liegt, dass man sich zärtlich annähert, bevor man zum eigentlichen Sexualakt kommt. In diesem Film weist Diana Richardson darauf hin, dass in den Vereinigten Staaten Sex alle 10 Tage stattfindet und 3 ½ Minuten dauert. Cantharis ist das wichtigste Mittel für Menschen, die sich nicht trauen, ihre Bedürftigkeit nach Zeit und Vorspiel auszudrücken, weil sie das Gefühl haben, dass Sexualität auf eine gewisse Art und Weise brutal und schnell sein muss und dass man alles mit sich machen lassen muss – auch wenn man es gar nicht will. Meine Patientin traf immer wieder auf Männer, die von ihr verlangten, dass sie sich auf bestimmte sado-masochistische Praktiken einließ. Immer wieder bekam sie Blasenentzündungen, nahm Antibiotika, trennte sich von den Männern, aber stieß beim nächsten auf denselben Typ Mann. Wenn man ihre Geschichte hört, denkt man, dass Berlin nur aus Sado-Masochisten besteht.

Wie haben Sie dieser Frau geholfen?

Da ich mit Sado-Masochismus keine persönlichen Erfahrungen habe, musste ich auf andere zurückgreifen. In einem Vortrag über Cantharis von Jürgen Becker wurde ich fündig: Er empfahl den Film „Die 120 Tage von Sodom“, in dem es um sadistische Praktiken im italienischen Faschismus geht. Über diesen Film konnte ich mich dieser Frau nähern. Sie war eigentlich eher wie Pulsatilla oder Silicea, also total liebevoll. Und trotzdem habe ich ihr Cantharis gegeben.

Und dann passierte das Unglaubliche:

Sie träumte, dass ihr nachts ein Hirsch mit einem riesigen Geweih erschien. Und dieser Hirsch sagte zu ihr: „Und sei dir gewahr, dass du eine Königin bist.“ Sie konnte mit dem Hirsch überhaupt nichts anfangen. Ich gab ihr dann von Marion Zimmer Bradley „Die Nebel von Avalon“ zu lesen und legte ihr nahe, sich mit der Thematik des Hirschkönigs zu beschäftigen, weil der Hirschkönig der Mann in frauenrechtlichen Zeiten war, der in großen Prüfungen seine Fähigkeit beweisen musste, um dann der Geliebte der Hohepriesterin der Insel zu werden. Und wir wissen, dass Hirschmilch Frauen hilft, bei der Männerwahl nicht ins Klo zu greifen. Hirschmilch ist das wichtigste Mittel für einen unterdrückten, verbotenen und nicht gezündeten Wahlsinn. Es ist ja auffällig, dass manche Frauen immer tolle Männer haben, die sie wie Königinnen behandeln und andere Frauen immer auf Männer treffen, die sie demütigen. Und dafür gibt es einen Sinn – den Wahlsinn. Ich habe eine Übung mit meiner Patientin gemacht, bei der ihr inneres geschändetes Kind das Versprechen bekam, auch als Erwachsene behütet und geschützt zu werden. Nach der Cantharis-Gabe trennte sie sich von ihrem damaligen Freund, der sie immer wieder unter Druck setzte. Nachdem sie eine Weile allein lebte, lernte sie einen Mann kennen, der sie von Anfang an wie eine Königin behandelte. Irgendwann offenbarte sie ihm ihre Geschichte, woraufhin er fragte: „Wie sollte ich darauf kommen? Wie könnte ich diesem heiligen Körper wehtun?“ Cantharis hatte ihre Resonanz zu Schmerzbringern gelöscht und ihr den Chip des Hirschkönigs eingesetzt und damit wurde sie zu einer Königin.

Fazit:

Liebe, die weh tut: entweder, weil ich sie unprofessionell zu heftig ausführe oder weil ich denke, dass sie wehtun muss, um Lust zu bringen. Cantharis träumt von Hirschen und zeigt, dass jede Frau in letzter Konsequenz eine Göttin ist und dass ihr ein Hirschkönig zusteht.

Andreas Krüger ist Heilpraktiker, Schulleiter und Dozent an der Samuel-Hahnemann-Schule in Berlin für Prozessorientierte Homöopathie, Leibarbeit, Ikonographie & schamanische Heilkunst.
Mehr über ihn auf www.andreaskruegerberlin.de

Buchtipp
Heiler und heiler werden
Simon+Leutner Verlag


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