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Mut und Transzendenz. Von Sugata Wolf Schneider

Die Komfortzone als Nest und Gefängnis

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Spirituelle Ratgeber neigen dazu, zwei einander fundamental entgegengesetzte Empfehlungen zu geben. Einerseits sagen sie: „Akzeptiere dich so, wie du bist! Es ist, wie es ist!“, dies hinzunehmen sei die Essenz von Weisheit, Hingabe, Gnade – Gracias a la vida que me ha dado tanto. Diese Dankbarkeit gegenüber dem Leben sei die wahre Spiritualität. Andererseits behaupten sie, dass es auf dem spirituellen Weg vor allem darum gehe, die eigene Komfortzone zu verlassen, in der wir uns doch nur um uns selbst drehen, um unsere Gedanken- und Verhaltensmuster, das Ego, das gesellschaftlich Akzeptierte, das uns gefangen hält, weil wir nicht den Mut haben, gegen den Strom zu schwimmen und zu unserer Einzigartigkeit zu stehen.
Die Komfortzone als Kuschelzone
Ja, was nu? Ist die Komfortzone die perfekte Kuschelzone zur Regeneration der sich selbst Liebenden, die dann umso mehr andere lieben können? Oder ist sie der Unterschlupf des Ego, in die es sich vor den Zumutungen der Welt da draußen mit ihren harten Realitäten zurückziehen kann, wann immer es herausgefordert wird?
Irgendwie scheinen hier beide Seiten Recht zu haben. Die Schlaueren unter uns Spiris werden deshalb geneigt sein, diesem Gegensatz mit Begriffen wie ,Polarität´ oder „Paradoxie“ die höheren Weihen zu erteilen. Womit wir uns aber um die eigene Weiterentwicklung rumdrücken, die dieser Widerspruch doch eigentlich bietet.

Wir sind Werdende
Vielleicht helfen hier ein paar Begriffspräzisierungen und Betrachtungen von der Metaebene aus. Zunächst mal sollte Akzeptanz dessen, was ist, nicht verstanden werden als Lob der Apathie und Empfehlung, die Hände in den Schoß zu legen. Man kann auch den eigenen Tatendrang akzeptieren, ihn abzulegen wäre dann sozusagen „unspirituell“. Zweitens ist Selbstliebe nicht dasselbe wie ein sich selbst beweihräucherndes Feiern des Status quo. Wenn Selbstliebe als Absage an das eigene Entwicklungspotenzial missverstanden wird, führt sie zur Selbstgerechtigkeit.
Wenn wir hingegen uns als Werdende, sich Entwickelnde verstehen, impliziert Selbstliebe, dass wir nicht die bleiben, die wir sind. Dann sagt der Frosch nicht mehr zur Prinzessin, die ihn küssen will: „Neeeeeiiiin!!! Ich will so bleiben, wie ich bin!!!“, sondern versteht sich als Werdender, sich Wandelnder – und kann so zum Prinzen werden. Wer sich selbst so liebt, wie er aktuell ist, wird auch dem natürlichen Bedürfnis nach Entwicklung des eigenen Potenzials zustimmen wollen, denn auch das gehört zum Status quo. So nähern sich die beiden Seiten schon ein bisschen an.
Und das Ego ist nicht des Teufels Kern. Es sei denn, man definiert es zum Beispiel als die jeweils aktuelle Summe der eigenen blinden Flecken. Die reduzieren zu wollen, ist durchaus immer ein lohnendes Ziel. Aber auch hierbei kann man ins spirituelle Strebertum verfallen.

The Call to Action – der Ruf
Als nach 9/11 in den USA die Umsätze der fetten und süßen Nahrungsmittel, der „comfort foods“ (Trostnahrung) in die Höhe schossen, war das vielleicht verständlich und gut für Nestlé. Aber es war nicht gut für die Amerikaner, die dabei noch übergewichtiger wurden und ungesünder. Es wäre besser gewesen, sie hätten sich angesichts dieses Schocks daran erinnert, dass es im Leben Gefahren gibt, die sich auch mit der stärksten Militärmacht der Welt nicht beseitigen lassen, und schon gar nicht durch fette und süße Nahrung. 9/11 hätte als „call to action“ verstanden werden können, als Herausforderung des Helden auf seiner Reise, nun über sich selbst hinauszuwachsen. Das amerikanische Selbstverständnis hätte einen Schritt nach vorn machen können, so wie in allen anspruchsvollen Filmen – gerade auch aus Hollywood – und in Romanen, in denen der Held oder die Heldin erst dann siegt, wenn sie über sich selbst hinauswächst – wenn sie eine andere wird als sie vorher war.

Behinderung oder Erweiterung?
Wir sind Werdende, die immer auch Widrigkeiten zu konfrontieren haben – das Leben ist kein Ponyhof. Dabei kommt es darauf an zu erkennen, welche Herausforderung uns das Leben nur schwer macht und uns unnötig leiden lässt und welche andererseits geeignet ist, unsere Identität auszudehnen auf uns bisher noch unvertraute, in uns schlummernde Teile des Menschseins. Herausforderungen können uns erweitern. Im Sinne des Diktums des römischen Dichters Terenz „nichts Menschliches ist mir fremd“ können sie aus einem kleinlichen Menschen einen großherzigen machen. Es braucht Mut für diesen Schritt, und es braucht emotionale Intelligenz für die Unterscheidung, welche Herausforderung eine mich nur behindernde ist und welche mich erweitert.

Die Heimatidentität
Mal angenommen, ich friedliebender Mensch hätte entdeckt, dass ich auch ein rücksichtsloser Kämpfer sein kann, eifersüchtig, rachelüstern, geizig, ausgrenzend oder sogar alles zusammen. Will ich das dann bleiben? Oder will ich diese Identität als Teil meines Verhaltensrepertoires behalten, als etwas, das mir zur Verfügung steht, wenn ich es brauche, um dann wieder der friedliche, nicht nachtragende, großzügige Mensch zu sein, für den ich mich vor dieser Erfahrung gehalten habe?
Ich führe hierfür den Begriff der Heimatidentität ein. Damit meine ich die Alltagsidentität, in die ich zurückkehre, nachdem ich einen Wutausbruch hatte oder – ich ansonsten großzügiger, liebevoller Mensch – jemandem meine kühle Schulter gezeigt oder mich für etwas gerächt habe. Diese anderen Persönlichkeiten sind nicht „mein wahres Selbst“, würde ein Spiri vielleicht sagen. Meine Heimatidentität, in die ich nach den Ausbrüchen zurückkehre, ist jedoch ebenso künstlich, Bedingungen unterworfen und prägbar wie meine Identität als Wütender oder Blasierter, ich verweile nur häufiger in ihr – da bin ich „ganz der Heinz“ oder „ganz die Regina“, wie man dann sagt. Es ist aber beides künstlich, prägbar und biografisch in Bewegung.

Sich erweitern
Als Gautama Buddha begann Schüler auszubilden, nannte er diese Initiation in den Stand des Samanera ein „Hinausgehen in die Heimatlosigkeit“. Der Initiat verließ damit seine Herkunftsidentität und begab sich auf den Weg des Werdenden, des „Stirb und Werde“. Er richtete sein Bewusstsein darauf, dass er heute ein anderer ist als er noch gestern war – und wer weiß, wer er morgen sein wird. Die Heldenreise des Menschen ist die eines Werdenden. Sie braucht Mut, denn sie ist ein fortwährendes Sterben und Neu-geboren-Werden. Nicht immer ist es eine Kreuzigung und Wiederauf-erstehung, so heftig wie in diesem Grundmythos des Christentums ist es zum Glück meistens nicht. Aber wer genau genug hinschaut, merkt, dass er heute ein anderer ist als gestern. Auf meinem Entwicklungsweg habe ich etwas losgelassen, etwas verloren und etwas anderes hinzugewonnen, und wenn ich mir dabei selbst treu geblieben bin, habe ich mich erweitert.

Der Wert der Kicks
Wenn Motivationstrainer uns auffordern, beim Bungee-Springen, Rafting oder im Heraustreten und Sichtbarwerden in einer Selbsterfahrungsgruppe Mut zu zeigen, wollen sie, dass wir unsere Komfortzone verlassen, um uns zu erweitern. Bestandene Mutproben geben uns einen Kick. Wenn sie jedoch nicht zu einer Freundschaft mit dem Leben als etwas prinzipiell Unvorhersehbarem führen, in dem Sicherheit immer nur etwas Relatives ist, dann sind diese Mutproben wie eine Diät, nach der man sich wieder vollfrisst, dann hat der Rat seinen Zweck verfehlt. Wir brauchen Herausforderungen, aber wir brauchen auch eine Heimat, und auch die ist in Bewegung.

Wolf Schneider, Jg. 52 Autor, Redakteur, Kabarettist, 1971-75 Studium der Wissenschaftstheorie, 1975-77 in Asien, 1985-2015 Hrsg. der Zeitschrift Connection
Blog: www.connection.de


Kontakt: schneider@connection.de