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Ausgabe Februar 2017
Die Suche nach dem Glück. Von Sugata Wolf Schneider


Wie werde ich glücklich? Seit wir denken können, hat nichts uns Menschen so sehr beschäftigt wie das. War es, bevor wir denken konnten, einfacher? Mag sein, aber da setzt bei mir die Erinnerung aus. Heute geht es für uns Denkende, Fühlende, Strebende um das Erreichen von Glück, the pursuit of happiness, wie es in dieser Formulierung sogar in der amerikanischen Verfassung verankert ist. Und mit diesem Streben meine ich jetzt ebenso die Suche nach Lust, Spaß und Vergnügen wie die nach dem Triumphgefühl des Gewinners und die nach stillem Glück oder himmlischer Ekstase – und auch die nach Schmerzfreiheit und dem Vermeiden von Leid, Elend, Angst, Krankheit oder sonst einem Verlust von etwas Begehrtem, Wertvollem. Jeder Mensch sucht in der Hinsicht nach Optimierung, auch wenn die einen mehr Leidvermeider, die anderen mehr Lustsucher sind, und der eine Typ nach Reichtum sucht oder Ruhm, der andere nach Sicherheit und der dritte nach Weisheit, Liebe oder Erleuchtung.

Egoisten und Altruisten
Sogar der Unterschied zwischen dem für sich selbst Glück Suchenden und dem für seine Mitmenschen und vielleicht sogar alle fühlenden Wesen Glück Suchenden ist kein fundamentaler. Egoisten und Altruisten suchen nur aufgrund verschiedener Erfahrungen und daraus resultierender Überzeugungen Unterschiedliches, im Grunde suchen sie dasselbe. Wer zu oft missbraucht wurde, sucht das Glück mehr für sich; wer erfahren hat, wie sehr das Glück anderer auf einen selbst zurückwirkt, sucht es mehr in der Beglückung anderer und wärmt sich lieber in den Stahlen des Glücks eines anderen – Menschen oder Tieres –, das er hat beglücken können. Wer beides ausprobiert hat, tendiert meist zum Beglücken anderer, denn »Geben ist seliger denn Nehmen«.

Positive und negative Vorbilder
Wie kommt man nun dort hin, zu dem, was alle erstreben? Gibt es in der Hinsicht zu empfehlende Strategien? Und wenn ja, darf ich mich überhaupt als Ratgeber anbieten, nur weil mir hier, in dieser Zeitschrift, ein Platz zur Verfügung gestellt wird, auf dem ich meinen Senf zum Besten geben kann? Ich darf und tue es, trotz allem begleitenden Zweifel über die Möglichkeit überhaupt irgendwem Rat geben zu können. Wer’s nicht hören will, schalte einfach auf Durchzug, das mache ich auch so. Die Fülle an Weisheitsliteratur ist ja eher verwirrend als beglückend. Da pickt man sich intuitiv raus, was man brauchen kann. Außerdem nützt dem, der wirklich bereit ist für Einsicht, ein vorgeführtes Beispiel, wie man es nicht machen soll, ebenso sehr wie ein positives Vorbild.

Die Rehabilitation des Subjektiven
Auf die Signale des eigenen Körpers zu hören ist ein gutes Mittel für den Glückssucher. Ebenso das Beachten der eigenen selektiven Wahrnehmung, die in unglaublich hohem Maße bestimmt, was wir denken und wie wir uns fühlen. Zu beidem gibt es schon endlos viele Ratgeber und praktikable Methoden, deshalb will ich dem hier nichts mehr hinzufügen, sondern mich lieber einem missachteten Thema widmen: der Subjektivität.
Dem nach Objektivität Strebenden erscheint das »bloß Subjektive« als minderwertig. Wer nicht als vollmundiger Prediger von Wahrheiten erscheinen will, sagt dann: »Ich persönlich glaube oder empfinde das so« und entwertet seine Aussage damit ein bisschen, mit dem Subtext: Wenn alle so empfänden, wäre das Gesagte wertvoller. Dabei ist das Subjektive doch das Wertvollste, was wir haben.
Genau genommen ist es sogar das Einzige, was wir haben. Objektivität ist eine Konstruktion, eine für so vieles überaus nützliche Fiktion. Glück aber ist etwas Subjektives. Um mir Glück zu erlauben, muss ich die Subjektivität wertschätzen.
Ist das dann ein »nur persönliches« Glück, das für den fromm nach Transpersonalität Strebenden zu sehr nach Ego riecht? Mitnichten. Der Weg zu Transzendenz, Liebe und Überwindung des nur Ichhaften führt durch die vollkommen akzeptierte Subjektivität. Eine objektiv feststellbare Liebe oder Erleuchtung gibt es nicht. Achtsamkeit ist immer die unverschämte Achtung des Subjektiven: meine achtsame Präsenz in dem, wie ich mich bewege, mich fühle, was ich wahrnehme und denke. Erst in der uneingeschränkten Akzeptanz des eigenen Subjektiven überschreitet man sich selbst und vereint sich in diesem Überschreiten mit der Subjektivität aller anderen, die ebenso vollkommen oder unvollkommen subjektiv nach Glück streben.

Vom Glück verfolgt werden
Können wir das erreichen? Nein, denn Glück ist Gnade. Es erreicht mich, wenn ich aufhöre, mich dem mir Geschenkten zu widersetzen. Das Geheimnis eines glücklichen Lebens liegt ebenso in der Hingabe wie im Streben, wie schon der witzige Aphorismus sagt: Das Glück hat mich verfolgt, aber ich war schneller.
Wir dürfen uns vom Glück erwischen lassen, aber dafür müssen wir in dem Moment das Streben aufgeben. Oder besser: Wir müssen das Streben ebenso wie alles Begehren mit aufnehmen in unsere Akzeptanz von allem was – gegeben – ist. Es ist gut, mit aller Kraft Gott alias das Große, Ganze zu suchen. Wer sich jedoch von diesem Großen, das viel mächtiger ist als wir kleine, einzelne Handelnde, nicht ergreifen lässt, findet das Glück nicht.

Das Bruttosozialglück
Und wo wir hier schon beim Großen, Ganzen sind: Wir Spiris mögen »die große Politik« im Allgemeinen nicht. Wir pflegen lieber unsere eigene Vervollkommnung und schmücken uns dabei mit dem Motto von Gandhi: Sei selbst die Veränderung, die du in der Welt sehen willst! Politische Aktivisten kann diese Genügsamkeit mit der eigenen Veränderung zur Verzweiflung treiben. Für sie sind die nach innen gekehrten Spiris nur willig alles dankbar – Dankbarkeit als große spirituelle Tugend – hinnehmende Mitläufer eines Menschen verachtenden Systems, das die Natur zerstört und im ewigen Streben nach Wachstum uns Konsumenten auf die Märkte treibt wie früher Soldaten in die Schlacht.
Deshalb will ich hier mal wieder für die große Politik das Wort ergreifen. Gerade spirituelle Menschen sollten wissen, dass es innen wir außen, also auch in der Politik ein Weiter-wie-bisher nicht geben kann. Wir brauchen nicht nur Innenschau und Selbsterkenntnis, wir brauchen auch ein neues Betriebssystem für die Zivilisation unseres Planeten Erde. Das Laden immer neuer Apps auf das alte Betriebssystem genügt nicht, teils verschlimmert es die negativen Eigenschaften des zerstörerischen alten Systems noch. Und das Ziel dieses neuen Betriebssystemsdarf nicht mehr die Steigerung des Bruttosozialprodukts sein, die Steigerung der in Zahlen erfassbaren Umsätze, es muss die Steigerung des Glücks sein und die Minderung des Leidens. Ob die Wirtschaft wächst, sollte uns ziemlich egal sein, wenn dabei das Glück der Menschen nicht größer wird. Für diese Änderung braucht es nicht nur Innenschau und Meditation, sondern auch eine politische Revolution, die zugleich eine Bewusstseinsrevolution ist.

Wolf Schneider, Jg. 52 Autor, Redakteur, Kabarettist,
1971-75 Studium der Wissenschaftstheorie,
1975-77 in Asien,1985-2015 Hrsg. der Zeitschrift Connection,
Blog: www.connection.de


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