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Ausgabe März 2016
Beitragsreihe 2016 von Andreas Krüger Homöopathisches Heilmittel: Carcinosinum - bei Sexueller Gewalt - Schändung und Scham


H. Schäfer: Worüber wollen Sie heute sprechen?
Andreas Krüger: Über Carcinosinum – oder „ich darf nicht wollen“ – oder „die Krankheit des fehlenden oder verbotenen Ichs“. Carcinosinum ist eine Nosode, die aus dem Gewebe von krebskranken Menschen hergestellt wird. Die homöopathischen Pharmazeuten entnehmen einem Tumor Gewebe, bereiten dieses Gewebe durch Verreibung zu und das potenzierte Arzneimittel wird dann Menschen verabreicht.
Carcinosinum ist ein Mittel, das in meiner Praxis sehr häufig vorkommt. Das liegt nicht daran, dass ich so viele Krebskranke habe – ich schätze, dass 5% meiner Patienten krebskrank sind – aber in meiner Praxis hat sich von Anfang an eine Problematik aufgetan, die mit keinem Mittel so stark verbunden ist wie mit Carcinosinum – nämlich die Problematik oder Tragödie des Missbrauchs oder, wie die Schamanen sagen, der Schändung. Carcinosium ist das wichtigste Mittel für Menschen, die sehr früh und oft schon im Babyalter sexuell missbraucht wurden oder Schändung erlebt haben. Als junger Heilpraktiker beobachtete ich, dass von den ersten 50 Patienten, die zu mir kamen, 60% Heuschnupfen hatten. Ich eröffnete meine Praxis an einem 15. April, was ein guter Zeitpunkt war, denn ich selber litt 10 Jahre unter Heuschnupfen, den ich zu dem Zeitpunkt aber geheilt hatte. Und überall da, wo man selbst Heilung erlebt hat, zieht man Resonanz an. Aber von den verbleibenden 40% gab es 20% Frauen, die keinen Heuschnupfen hatten, sondern die unter den Folgen eines sexuellen Missbrauchs litten. Für mich war es unerklärlich, warum sie nicht ins Frauengesundheitszentrum oder zu „Wildwasser“ gingen. Wenn ich damals nicht die Homöopathie gehabt hätte, wäre ich völlig überfordert und hilflos gewesen. Damals kannte ich noch keine Traumatherapie oder Cranio-Sacral-Therapie, keine Leibarbeit, geschweige denn Aufstellungen. Ich hatte die Homöopathie und verschrieb homöopathische Mittel. Und das Mittel, das ich nach Sepia am häufigsten verordnete, war Carcinosinum – besonders, wenn der Missbrauch in einem sehr frühen Alter stattgefunden hatte. Und ich durfte erleben, dass die Menschen wieder Lebensfreude und auch Freude an der Sexualität bekamen, beziehungsfähig wurden und auch wieder orgastisch empfinden konnten.
Haben Sie in Ihrer Kindheit Missbrauch erlebt?
Zum Glück nicht und mir ist auch jegliche Gewaltanwendung an Frauen völlig wesensfremd. Nach 15 Jahren erfolgreicher Heilpraxis nahm ich selbst das Mittel Sepia. In der ersten Nacht nach der Einnahme erschienen mir die drei Schwestern meiner Großmutter. Ich wusste, dass alle zusammen geflohen waren und ich wusste auch, dass sie Schweres erlebt hatten. Alle drei waren schon mit Ende 50 an Krebs gestorben und brachten mir in diesem Traum ein 3-jähriges Mädchen, was unendlich geschändet worden war. Sie legten das Mädchen auf mein Sofa und sagten: „Und jetzt kümmerst du dich darum.“ Als ich aufwachte, war ich völlig irritiert, habe meine Mutter angerufen und sie nach den Tanten gefragt. Sie brach sofort in Tränen aus und sagte: „Junge, die waren alle auf der Flucht. Deine Oma hatte zum Glück Thyphus, denn davor hatten die Russen Angst. Als die Russen den Treck überholten, sperrten sie die Oma mit den Kindern in eine Scheune und die drei Tanten wurden in eine andere Scheune gesperrt. Drei Tage später kamen sie da wieder raus und…
… ich will gar nicht wissen, was da passiert ist!
Auf jeden Fall habe ich dadurch verstanden, in welchem systemischen Auftrag ich stand. Den habe ich irgendwann in einer systemischen Aufstellung zurückgegeben, denn er überforderte mich total. Aber nur so konnte ich mir erklären, warum so viele Frauen mit diesem Problem zu mir kamen.
Carcinosinum ist also ein Mittel für Schändung und für die Folgen von Schändung.
Mit Folgen von Schändung ist auch gemeint, dass es manchmal gar nicht die Frauen selbst betrifft, die zu mir kommen, sondern ihre Mütter. Oft stellte sich bei Frauen, die dieses Mittel brauchten, in der Anamnese heraus, dass ihnen überhaupt nichts in dieser Richtung passiert war. Sie hatten immer nur Kontakt mit freundlichen und liebevollen Männern, aber wenn ein Mann auch nur den Ansatz einer erotischen Annäherung machte, entstand Angst, Ekel und Abwehr. Die Frauen litten darunter, denn sie wollten ihn nicht in ein Zwangszölibat schicken. Einmal habe ich erlebt, dass noch am gleichen Tag der Gabe von Carcinosinum die Mutter der Patientin anrief und ihr erzählte, dass sie – die Mutter – fünf Jahre lang von ihrem Großvater sexuell missbraucht wurde. Bei vielen Frauen, wo es Probleme oder Ängste mit Sexualität gibt, muss der wissende Therapeut einfach in der Biographie weiter zurück schauen. Und Carcinosinum ist eines der wichtigsten Mittel, das aufdeckt, wo es in der Biographie Missbrauch und Schändung gab.
Was passiert mit der Persönlichkeit eines Menschen nach solch einer Tragödie?
Der Mensch hat das Gefühl, dass er nicht mehr lebenswert ist. Es wird bei einer solchen Schändung etwas übertragen – der Schamane geht ja davon aus, dass der Mensch selbst kein Schänder ist, sondern dass immer ein Dämon hinter diesem Schändungsthema steht. Wer mehr darüber wissen möchte, dem empfehle ich meine webside unter dem Thema Schamanismus und dort den Brief der kleinen Eichhörnchenfrau. Ich glaube, es ist der Natur des Mannes fremd und wie es Pietro Archiatie beschreibt, soll es wohl die Folge einer dämonischen Besetzung sein, die dadurch stattfinden konnte, dass ein Mensch sich in seiner Positivität zurückgezogen hat und damit Platz für diese fremde Wesenheit frei machte.
Der geschändete Mensch verliert seine Berechtigung auf sein Ich und auf seine Berechtigung, das Leben einzufordern, die Liebe einzufordern und er läuft durch die Welt mit dem Satz „Entschuldigt, dass ich überhaupt lebe.“ Deswegen wird er arbeitstechnisch und beziehungstechnisch ausgenutzt. Das wichtigste Carcinosinum-Symptom ist: Er fordert nicht. Bei einer Schändung kommt es zu einer schweren Schädigung der Ich-Struktur. Das „Ich will“ nimmt der Dämon und nimmt der Schänder dem Kind. Vielleicht kommt die erwachsene Frau irgendwie damit zurecht, aber das Kind leidet. Oft ist es so, dass das Kind dem Schänder vertraut – die furchtbarsten Nachwirkungen habe ich bei der Schändung von Großvätern erlebt, weil sich die Kinder eigentlich dort am sichersten fühlten. Wenn Menschen sich nicht trauen, etwas zu fordern oder zu ergreifen und man gibt diesen Menschen Carcinosinum, dann ist es wunderbar zu erleben, wie wieder Mut und das Gefühl, sich zu trauen und auch zu widersprechen wachsen. Wichtiges Mittel für Carcinosinum: Traut sich nicht zu widersprechen, ist immer freundlich, immer leise, gibt sich immer selbst die Schuld für alles.
Es scheint ein Mittel zu sein, mit dem man vielen Menschen helfen kann…
… aus diesem Teufelskreis des „geschändet seins“ und des „sich-dafür-schämens“ herauszukommen. Dazu fallen mir zwei Sätze von Hellinger ein: „Es ist nie zu spät für eine glückliche Zukunft“ und den Satz, den er geschändeten Frauen sagte: „… und die Rose duftet immer noch.“ Mit diesem Bild wollte er sie an ihre zentrale Unverletzlichkeit ihrer Geschlechtlichkeit erinnern. Rose ist ein Mittel, was ich oft nach Cacinosinum gebe. Also ich „lösche“ und versuche das Trauma zu heilen, zu korrigieren, diesen Traumachip zu deinstallieren und dann gebe ich die Rose, um den Menschen erblühen zu lassen.
Wir haben also schon ein Mittel, mit dem es nächsten Monat weitergeht. Bis dahin viel Erfolg.

Andreas Krüger ist Heilpraktiker, Schulleiter und Dozent an der Samuel-Hahnemann-Schule in Berlin für Prozessorientierte Homöopathie, Leibarbeit, Ikonographie & schamanischer Heilkunst. Sein neuestes Buch, Heiler und heiler werden, Gespräche über Heilkunst erschienen im Verlag Simon+Leutner, 2013.
Weitere Informationen: www.Samuel-Hahnemann-Schule.de


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