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Ausgabe März 2016
Liebe als Beheimatung. Von Sugata Wolf Schneider

Wie man im Niemandsland ein Nest baut.

Was ist Liebe? Diese Frage begleitet mich schon gefühlte tausend Jahre, ungefähr so lange wie die Frage, wer ich bin. Vielleicht sind alle diese Sinn-Fragen einander ähnlich: Was ist der Sinn des Lebens? Wofür bin ich hier? Wer bin ich? Und eben auch die Frage: Was ist Liebe? Denn deshalb sind wir doch hier: um zu lieben und geliebt zu werden. Glücklich sein heißt, sich geliebt zu fühlen von dem, worin man gerade ist. Sich dort willkommen zu fühlen: im Leben, im Körper, in der sozialen und natürlichen Umgebung. Und zu lieben heißt – jetzt presche ich schon mal voran mit einer Definition – das zu wollen, worin ich gerade bin. Dazu Ja zu sagen. Wo auch immer auf dem Lebensweg das gerade ist.

Männlich lieben, weiblich lieben
Oder ist dieses »in etwas sein« nur die männliche Variante von Liebe? Würde eine Frau vielleicht eher sagen, glücklich sein heißt, das zu lieben, was in mir ist? Damit sind wir schon mitten drin in der Philosophie der Liebe, dem Thema zum Beispiel auch des jährlich bis zweijährlich stattfindenen »Become Love« Festivals (becomelove.de). Dort war ich als Vortragender, Kabarettist und Workshopleiter bei den Festivals 2014 und 2015 und vor ein paar Tagen nochmal als Teilnehmer im philosophischen Salon.
Überall fragen sich Menschen: Was ist Liebe? Wir ersehnen sie alle, »die Liebe«, aber die einen verstehen dies darunter, die anderen das. Selbst gewaltbereite Muslime nennen Allah den Allbarmherzigen, also allumfassend Liebenden, und auch Stalinisten sprachen von Solidarität, was ja auch nur ein anderes Wort für Mitgefühl oder praktisch angewandte Liebe ist. Woran erkennt man denn, dass ein Verhalten wirklich liebevoll ist? »Gut gemeint« genügt nicht, es muss auch die Wirkung eine gute sein.

Die virale Ausbreitung
Jedenfalls kann Liebe ein Virus sein, der sich ausbrei-tet wie ein aktueller Ohrwurm in den Charts. Wie die Stimmung von Liebe, Frieden und Vertrauen auf dem Woodstock-Festival von 1969 im US-Staat New York, oder, immerhin auch sehr weitreichend: das Sommermärchen der Fußball-WM 2006 in Deutschland. So wie Angst sich exponentiell ausbreiten kann, so kann das auch der Liebes- und Vertrauensvirus. Und noch ehe die Psychologen herausgefunden haben, wie sie das messen oder auch nur intersubjektiv zweifelsfrei feststellen können, ob jemand liebevoll ist – das kann ja noch lange dauern – können wir der Liebe und dem Vertrauen mehr Raum geben in unserem Leben gegenüber der Angst und dem Misstrauen. Hierzu nun ein paar Tipps, besonders für diejenigen unter uns, die von Liebe mehr erwarten als das Übliche, vom »herz-lichen« Gruß über das Valentinstaggeschenk bis zum Ja-Wort fürs Leben.

Die Ausweitung
Liebe kann sich ausweiten. Nur dich oder mich zu lie-ben ist eng. Nur sich selbst zu lieben ist so eng, dass man dabei auch sich selbst nicht richtig liebt, denn dieses Ich ist ja eine interaktiv verwobene, von so vielem abhängige Gestalt. Und das gilt auch für das Du, allen »nur Du, Du, Du«-Liebesliedern zum Trotz. Wenn ich nur dich liebe, aber nicht deine Umgebung und alles das, was dich ausmacht, was du magst und worin du eingebettet und verwoben bist, dann ist diese Liebe eng. Eine weite Liebe liebt alles Lebendige und sieht die Schönheit in dem, was sie anschaut. Sie kann so weit werden, dass sie alles liebt und sich an nichts mehr festhält, dass sie nur noch verschmelzen will mit dem endlosen Raum.
Das Glück dieser Ausweitung ins Grenzenlose führt spirituell bewegte Menschen dazu, davon zu schwärmen, dass nun der Tropfen der kleinen Ich-Identität in den großen Ozean gefallen ist und sich darin aufgelöst hat. Endlich hat sich das Ego aufgelöst und alles ist gut?

Grenzen setzen
Dort, im Niemandsland, lässt sich aber nicht mal eine laue Stunde lang verweilen. Wem das (bei all dem Eifer) dennoch liegt, den müssten dann wohl die Weißkittel in ihren Gewahrsam nehmen. Das Ich ist nämlich eine sehr nützliche Konstruktion. Wer es nicht schätzt und intakt zu erhalten weiß, läuft Gefahr, Erleuchtung mit Psychose oder Demenz zu verwechseln, was ja beides ebenfalls ein Ich-Verlust ist. Weisheit bedeutet nicht, im Nicht-Ich zu verweilen, sondern das Ich in seiner Bedingtheit soweit zu durchschauen, dass es transparent wird. Wenigstens für den Ich-Träger selbst soll es transparent werden. Die anderen Ichs müssen nicht immer alles über mich wissen, wir haben ja auch noch ein legitimes Bedürfnis nach Privatheit. Das Ich alias Ego sollte allerdings nicht in der ihm eigenen Steifheit verkommen, zu der es leider neigt, sondern sich entwickeln. Es darf sich auch anpassen, aber bitte ohne dabei das Rückgrat zu verlieren. Liebe ist nicht einfach »Du, Du, Du!« und auch nicht einfach Nicht-Ich. Liebe muss auch Nein sagen können und Grenzen setzen.

Der Nestbau
Damit wären wir beim Nestbau angelangt. Bei der Frage, wie man in der Grenzenlosigkeit der offenen Weite (Bodhidharmas »offene Weite, nichts von heilig«), im Ozean unter all den dort hineingefallenen Ego-Tropfen eine Kuschelecke finden, ein Nest bauen und eine Liebesbeziehung gestalten kann. Wie soll man dort eine Heimat finden, in diesem spirituellen Wunderland der Nicht-Anhaftung? Nachdem doch schon die Initiation im Ur-Buddhismus Pabbajja heißt, also (übersetzt) ein Hinausgehen in die Heimatlosigkeit ist.
Der amerikanische Psychotherapeut John Welwood hat sich in seinem Lebenswerk vor allem mit den Beziehungsproblemen der Menschen beschäftigt, die sich auf ihrem spirituellen Weg der Leere, Freiheit oder Nicht-Anhaftung verschrieben haben. Also mit denen, die dabei das lästige Hindernis des Ego überwinden wollten. Die transpersonal werden wollten, um dann jenseits des Personalen zu leben – und die dann bei ihm in der Psychotherapiepraxis landen, weil sich ihr Konzept als nicht lebbar erwiesen hat.

Der zehnte Büffel
Eine ganze Subkultur hat sich seit der Romantik der Liebe verschrieben, im 20. Jahrhundert verstärkt vom kalifornischen »Summer of Love« und der Hippie-Bewegung. Alles hat sich bei diesen Romantikern der Liebe verschrieben, aber was ist mit den Beziehungen? Da möchte man sagen, dass Gott zwar die Liebe gemacht hat, aber der Teufel (der ja bekanntlich im Detail liegt), die Beziehungen. Diesen Romantikern, die da das Heiligtum der Liebe verehren, scheint etwas zu fehlen. Es ist die Erdung, die da fehlt, sagen einige. Ich sage: Es ist die Genehmigung zum Nestbau, die fehlt. Und es fehlt die Wertschätzung für das so lange geschmähte Ich, in dem man einen Gegner sah und nicht nur etwas zu Durchschauendes. Es fehlt der letzte, der zehnte Schritt auf der Reise, den der Bilderzyklus der zehn Büffel aus dem chinesischen und japanischen Zen so wunderschön darstellt. Es fehlt die Rückkehr ins Diesseits, ins Land der Grenzen und Bindungen. Erst wenn wir wieder dort angelangt sind, sind wir ganz. Erst dann ist die irdische Liebe möglich, und sie schließt die himmlische Liebe mit ein.


Wolf Schneider, Jg. 52. Autor, Redakteur, Kursleiter. 1971-75 Studium an der LMU München. 1975-77 in Asien. Seit 1980 Seminarleiter und Coach. 1985-2015 Hrsg. der Zeitschrift Connection. Seit 2007 Theater, Kabarett, Humorworkshops. Kontakt: schneider@connection.de, Blog: www.connection.de


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