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Ausgabe Februar 2016
Achtsamkeit und Mitgefühl entwickeln. Christof Spitz erläutert Grundgedanken der buddhistischen Ethik

Er war 13 Jahre buddhistischer Mönch und hat viele Schriften aus dem Tibetischen ins Deutsche übersetzt. Christof Spitz, Dolmetscher des Dalai Lama und Initiator des Netzwerks „Ethik heute“, vertritt im Gespräch mit Christian Salvesen eine Ethik ohne Religion.

Herr Spitz, es wird heute oft von einem Werteverfall gesprochen. Sehen Sie das auch so? Falls ja, worin zeigt sich das? Und was könnte dagegen getan werden?
Mit dem Wort Werteverfall kann ich nicht viel anfangen. Ich kann in jeder vergangenen Epoche einen Mangel an Werten feststellen. Denken wir nur an die Kriege und totalitären Regime des 20. Jahrhunderts oder an den Kolonialismus. Also es gibt zu jeder Zeit einen Bedarf an Werten, und jede Generation hat erneut die Aufgabe, die Werte für sich zu entdecken und zu fördern. Ich glaube nicht, dass es in der Entwicklung einen Punkt gibt, an dem eine Gesellschaft sagen kann: Jetzt haben wir alle Werte beisammen und die werden auch nicht mehr verfallen.
Generell sind unsere Werte von Freiheit und Demokratie bestimmt vom Zeitalter der Aufklärung. Wir haben heute in unserer Gesellschaft sehr viele Möglichkeiten, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Dieses Potential ist in sich schon ein Wert. Ob und wie wir das wahrnehmen, wertschätzen und umsetzen, ist eine andere Frage. Ich würde eher von einem Mangel an Orientierung sprechen. Wir wissen vielfach nicht, woher wir die Werte beziehen. Wir sind stark nach außen gerichtet. In der gesellschaftlichen Diskussion geht es viel um wirtschaftliches Wachstum und nicht im gleichen Umfang um die eigene, innere Entwicklung. Unseren Fokus darauf zu richten, etwa in der Bildung, ist unsere eigene Aufgabe.

„Mögen alle Wesen glücklich sein!“ Ist das nicht der Kernsatz der buddhistischen Ethik? Oder vereinfache ich das?
Aus der buddhistischen Perspektive ist das sicher ein Kernsatz. Und er schließt mich selbst ein. Im Verhältnis zu anderen kennzeichnet er eine Haltung der Achtsamkeit, dass der andere ist wie ich selbst und nicht leiden möchte. So besteht der Grundgedanke der buddhistischen Ethik ganz sicher darin, sich und anderen Glück zu wünschen. Sich nicht gegenseitig zu verletzen ist zentral in der buddhistischen Ethik.

Gibt es noch einen anderen Aspekt, der komplexer ist oder tiefer reicht? Sehen Sie für sich noch andere Aspekte der buddhistischen Ethik?
„Mögen alle Wesen glücklich sein“ hört sich einfach an, aber es zu leben ist nicht so leicht. Zunächst ist zu fragen, was mit Glück in diesem Kontext gemeint ist. Zum einen gehört dazu eine angemessene materielle Lebensgrundlage, was selbst in unserer Überflussgesellschaft nicht selbstverständlich ist und weltweit schon gar nicht. Dann gehört die Sinnfindung dazu, etwa im Bereich der Arbeit. Dass die Arbeit mich nicht krank macht, ist eine Mindestanforderung, aber sie sollte möglichst auch sinnvoll und erfüllend sein. Kann ich mich da weiter entwickeln? Wie ist das Verhältnis zu den anderen? Welche Auswirkung hat meine Arbeit auf die Umwelt?
Das alles sind tiefere ethische Fragen, die sich im Zusammenhang mit dem Glück stellen lassen. Es geht in der buddhistischen Ethik darum, unsere tieferen Bedürfnisse zu erforschen und wahrzunehmen.

Ist nicht gerade der Buddhismus besonders deutlich, was die Richtlinien zu einer guten, heilsamen Lebensweise angeht, wenn wir etwa an den achtfachen Weg denken und hier speziell an die Methode der Versenkung?
Sicher. Es werden auch die unterschiedlichen Hindernisse für die innere Entwicklung genannt. Die klassischen Geistesgifte Hass, Gier und Verblendung gilt es zu überwinden und eine innere Ausgeglichenheit zu finden, was durch verschiedene meditative Methoden wie Achtsamkeit geschieht. Andere Methoden führen zur Einsicht in unsere wahre Natur, etwa das abhängige Entstehen und die Veränderlichkeit. Immer geht es darum, durch die eigene Praxis und in der eigenen Erfahrung Einsicht zu entwickeln und nicht bei einem bloß theoretischen Verständnis stehen zu bleiben.

Ein zentraler Begriff im Buddhismus scheint ja wohl der des Karmas zu sein, der auch immer wieder aktuell diskutiert wird. Was bedeutet Karma, nach Ihrem Verständnis?
Das ist kein einfacher Begriff, und er ist auch nicht spezifisch buddhistisch, sondern allgemeines indisches Gedankengut. Der Buddhismus hat den Begriff übernommen und zugleich auch selbständig entwickelt. Ein Kernaspekt ist die Einsicht, dass alles, was ich tue, eine Auswirkung auf mich selbst hat. Das entwickelt sich allerdings in der Zukunft, ich kann es nicht sofort sehen. Es wird zwischen heilsamen und unheilsamen Handlungen unterschieden – da kommt die moralisch-ethische Komponente hinein. Was aus den Geistesgiften heraus geschieht, gilt als unheilsam, was aus Achtsamkeit und Mitgefühl heraus getan wird als heilsam. Jedenfalls wird so ein Potential von Kräften geschaffen, die irgendwann eine Rückwirkung auf mich und andere haben werden. Und so kann der Begriff Karma auch benutzt werden um zu erklären, warum jetzt gerade mir dies oder jenes geschieht, etwa eine schlimme Krankheit. Sie ist durch eine falsche Handlung in der Vergangenheit bedingt: schlechtes Karma. Allerdings sollte es dabei nicht um eine moralische Verurteilung gehen, sondern vielmehr um Akzeptanz. Wir können daraus lernen. Also einerseits mache ich mir bewusst, dass meine Handlungen nicht nur im Moment wirken, sondern weit in die Zukunft hinein. Und andererseits beklage ich mich nicht über unangenehme Umstände, da ich sie auf irgendeine Art selbst mit verursacht habe. Erlebe ich Glück und Erfolg, sehe ich das ebenfalls karmisch und als Anregung und Motivation, Achtsamkeit und Mitgefühl zu vertiefen anstatt aus dem Erfolg heraus überheblich zu werden.
Das bedeutet allerdings nicht – und hier setzt auch die aktuelle Diskussion innerhalb des Buddhismus ein – dass wir selbst nichts verändern können, weil wir stets irgendwelchen Kräften aus der Vergangenheit ausgesetzt sind. Ein solcher Karma-Glaube kann zu Fatalismus führen. Skeptisch bin ich auch bei der Interpretation in Richtung Verheißung, also dass ich die Bedürfnisse und Aufgaben dieses Lebens verdränge, indem ich mich auf eine gute Wiedergeburt vertröste. Wir sollten darauf achten, dass wir nicht den Blick auf die Gegenwart verlieren und auf die Gestaltungsmöglichkeiten, die in ihr liegen.

Vor einigen Jahren sprach sich S.H. der Dalai Lama für eine Ethik unabhängig von Religion aus. Können Sie dazu etwas sagen?
Die Probleme, die wir zur Zeit verstärkt wahrnehmen, die Kriege, Konflikte und Auseinandersetzungen im politischen, wirtschaftlichen, ökologischen und auch religiösen Bereich, lassen uns fragen, worüber wir anfangs sprachen: Wie kommt es zum Mangel an ethischen Werten? Wo kommen die menschlichen Werte eigentlich her? Wir können feststellen, dass Werte wie Mitgefühl, Toleranz oder Selbstdisziplin zwar in den Religionen eine zentrale Rolle spielen, doch nicht ursprünglich von ihnen kommen und auch nicht von ihnen abhängen.

Wollen Sie sagen, die ethischen Werte sind naturgegeben?
Die sind zum großen Teil naturgegeben. Wenn wir als Kleinkinder aufwachsen, wissen wir noch nichts von Religion. Und auch die Eltern sind womöglich nicht religiös. Doch sie kümmern sich genauso um ihre Kinder wie religiöse Menschen. Wertschätzung und Zuneigung sind allgemein menschliche Werte. Die Kinder brauchen sie für ihr geistiges Wachstum, schon rein biologisch gesehen und in ihrer Entwicklung als soziale Wesen. Der Dalai Lama trifft öfter auf religiöse Führer und Politiker, die sagen: Ohne Religion gibt es keine verbindlichen ethischen Werte. Doch genau das zweifelt er an. Religion ist weder in sich geschützt vor Unmoral noch ist sie zwingend nötig für die Vermittlung allgemein menschlicher Werte. Es geht darum, sich dieser Werte bewusst zu werden, sie weiter zu entwickeln und in die Gesellschaft einzubringen. Das muss und kann innerhalb oder außerhalb der Religion geschehen.

Christof Spitz, 1955 geboren, ist Buddhismus-Lehrer und Tibetisch-Dolmetscher, u.a. für S.H. den Dalai Lama. Er ist Mit-Initiator des Netzwerks Ethik heute. Weitere Infos auf www.tibet.de (tibetisches Zentrum Hamburg), www.ethik-heute.org

Buchtipps:
Michael Zimmermann und Christof Spitz (Hsg.): Achtsamkeit: Ein buddhistisches Konzept erobert die Wissenschaft. Huber-Verlag 2012.
Dalai Lama: Rückkehr zur Menschlichkeit, Neue Werte in einer globalisierten Welt, 2011


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