aktuelle Seite: ARTIKEL   
Ausgabe Februar 2016
Freude ist die Richtschnur. Von Christoph Mahr

Persönlichkeitsentwicklung versus Selbstverwirklichung

Die Begrifflichkeiten Persönlichkeit, sich selbst und das Selbst werden im allgemeinen Sprachgebrauch uneinheitlich, mit unterschiedlichen Bedeutungsvarianten gebraucht. Somit zunächst erst einmal etwas zur Begriffsklärung. Die Persönlichkeit eines Menschen umfasst seine einzigartigen psychischen Eigenschaften – die typischen Charakteristika eines Individuums. Wenn ich von mir, von meiner Person beziehungsweise über mich rede, dann teile ich Sachen über mich selbst mit. Das Selbst hingegen – mit großem „S“ – ist wesentlich umfassender, ein das gesamte Individuum überspannender Begriff. Für mich ist das Selbst alles, was ich bin. Es ist der Anfang und das Ende, mein unzerstörbarer Wesenskern und der Urgrund meines Daseins, einschließlich der Anbindung an Systeme, die über mich als Individuum hinausgehen. Mit anderen Worten ist das Selbst die Gesamtheit aller bewussten und unbewussten Aspekte eines Individuums. C. G. Jung umschrieb das Selbst als: „der völligste Ausdruck der Schicksalskombination, die man Individuum nennt.“

Persönlichkeitsentwicklung
Analog zum steten Voranschreiten der Bewusstseinsentwicklung gibt es immer mehr Menschen, die sich in ihrer psychischen Existenz ernst und wichtig nehmen und sich selbst entdecken wollen. Unabhängig von den Kernbereichen des Lebens – Familie, Arbeit und Freizeit – richtet sich der Fokus der Aufmerksamkeit immer häufiger auf das eigene Seelenleben. Der Wunsch nach einem erfüllten und noch erfüllterem Leben ist groß - und Schlagworte wie Persönlichkeitsentwicklung, Selbstverwirklichung, Wachstum, Reifung, Bewusstheit, Weiterentwicklung oder die Seele retten, avancieren immer mehr zu generalisierten Werten unserer heutigen Wohlstandsgesellschaft.
Die Persönlichkeit zu entwickeln, bedeutet zunächst erst einmal zu reifen, zu wachsen, selbstbestimmter zu werden, mehr über sich selbst zu erfahren, sich über sich selbst klarer zu werden, sich selbst vor dem Hintergrund der persönlichen Lebensgeschichte besser zu verstehen, um sich hierdurch auch besser annehmen zu können und im Besonderen, seine einschränkenden Muster zu durchbrechen. Muster, die von Generation zu Generation weitergereicht wurden und solche, die ein Mensch ganz individuell aus seiner persönlichen Lebensgeschichte, aus seinen nicht immer schönen Erfahrungen heraus entwickelt hat.
Wenn solche Entwicklungen gelingen und es einem Menschen hierdurch zunehmend mehr möglich wird, selbstbestimmter zu agieren und in kritischen Situationen Reaktionsweisen zu zeigen, mit denen er zufrieden ist, dann hat dieser Mensch viel, ja sehr viel gewonnen. Ein vorrangiges Ziel der Persönlichkeitsentwicklung vieler Menschen besteht darin, ihre persönlichen Freiheitsgrade zu erhöhen, um in schwierigen Situationen (welche gehäuft innerhalb von intimen Beziehungen stattfinden) nicht immer wieder, automatisch von Emotionen und Verhaltensweisen überfallen zu werden, die der Situation nicht angemessen sind – ihrer anzunehmenden Reife nicht entsprechen.
Ein weiteres Ziel, eines das insgeheim, bewusst oder auch unbewusst vom Menschen angestrebt wird, ist „Das Selbst zu sein, das man in Wahrheit ist.“ (Sören Kierkegaard).
Dem Menschen in früheren Zeiten sagten die Traditionen, was er soll und muss und gaben ihm gewissermaßen eine Richtung vor. Der moderne Mensch hingegen steht der Aufgabe gegenüber, sich selbst zu orientieren, ohne die Hilfe eines Leuchtturms.

Selbstverwirklichung
Sich selbst zu verwirklichen, ist mehr als nur Persönlichkeitsentwicklung. Die Persönlichkeit zu entwickeln, zu reifen und zu wachsen ist jedoch unweigerlich ein Schritt in die richtige Richtung – eine deutliche und konstruktive Bewegung in Richtung unseres ureigenen Weges.
Selbstverwirklichung ist eine besondere Quelle persönlicher Sinngebung, mit seiner größtmöglichen Verwirklichung, als das Ziel des Lebens. Selbstverwirklichung bedeutet, nach und nach alle Masken zu durchdringen, wie Zwiebelschalen abzulegen, mehr und mehr die Rollen und Fassaden fallen zu lassen, welche man bisher für sein eigentliches Selbst gehalten hat, um hierdurch immer wieder zu dem jeweils darunterliegenden Selbst zu gelangen. Der Weg führt unweigerlich in tiefere Strukturen unter die Schicht des kontrollierten Oberflächenverhaltens, unter das gezeigte Verhalten, mit dem man dem Leben bisher begegnet ist und welches oftmals nur aus den Forderungen der Anderen erwachsen ist.
Carl Rogers sagte, dass in den tiefsten Schichten eines Menschen ein unzerstörbarer Kern zu finden ist, der erkennen lässt, dass der Mensch positiv und ohne Hass ist und dass er dort eine zugrunde liegende Ordnung finden kann, welche in dem sich unaufhaltsam ändernden Fluss der Erfahrung existiert. Das Selbst umfasst alle Teilbereiche des Lebens
Das Streben danach, das Selbst zu sein, das man in Wahrheit ist, jenes Selbst zu sein, das man am wahrhaftigsten ist, verbunden mit der Erkenntnis, nach und nach all die falschen Gesichter abzulegen, die man entdeckt und die man als solche nicht erkannt hat, weil man sie bisher für das eigentliche Selbst gehalten hat, kann eine sehr beängstigende Aufgabe sein.
Ja, die Angst zeigt uns Grenzen auf – Vorsicht, Sie verlassen bekanntes Territorium! Es gibt einige Grenzen, die wir tatsächlich besser nicht überschreiten sollten, aber auch solche, die wir nicht überschreiten sollen, die uns von Hause aus eingetrichtert und mitgegeben wurden und solche, die wir aufgrund von Erfahrungen entwickelt haben. Glücklicherweise ist das Leben weit mehr als nur Angstvermeidung und ein Verharren in statischen Grenzen. Es ist Herausforderung, Wachstum, Entwicklung und ein Streben nach Selbstverwirklichung – nach Verwirklichung der einem innewohnenden Potentiale, um das Beste aus diesem Leben zu machen.
Auf diesem Weg fällt unweigerlich die eine oder andere Maske und lässt einen zunehmend erkennen, dass das Zentrum der Verantwortung in einem selbst liegt.
Viele Menschen fühlen sich, wenn ihre Angst geschwunden ist, zu alt, zu krank oder zu unbeweglich, um sich selbst zu verwirklichen, um die Dinge zu tun, welche sie eigentlich gerne getan hätten und so mehr und mehr das Selbst zu sein, das sie in Wahrheit sind. Sie wurden alt und krank, ohne zur wahren Tätigkeit gefunden, ohne ihre geheimen Leidenschaften jemals ausgelebt zu haben oder die Menschen zu werden, die sie eigentlich sind.
Wenn wir die Dinge täten, die wir gerne tun möchten und auf unserem Weg die eine oder andere Maske fallen lassen, würden wir trotzdem, ganz genauso, eines Tages alt werden – aber wir wären ohne Reue. Wir würden kein Leben beenden, das nur halb gelebt wurde. Von daher tritt eine Lektion sehr deutlich zutage: Wir müssen unsere Ängste überwinden und ins Unbekannte vorstoßen, solange wir noch die Dinge tun können, von denen wir träumen. Das ist nicht immer das Gute, das zu tun man uns gelehrt hat oder das, was man von uns erwartet. - es sind die Dinge, die wir einfach für uns selbst tun. Unseren ureigenen Weg finden und ihn dann auch gehen, kann zuweilen sehr beschwerlich sein und fordert auch so manches Opfer. Bei nicht wenigen Menschen sind es auch nicht die Ängste, sondern lediglich ihre Bequemlichkeit. Sie verpassen die Chancen in ihrem Leben, weil diese sich als umfangreiche Arbeit verkleidet haben. Selbst dann, wenn es keine Garantie gibt, dass wir jemals ans Ziel gelangen, sollte das, was auf uns wartet, nicht als das Unerreichbare in der Ferne scheinen, sondern als das Unausweichliche von uns erkannt und angenommen werden.
Wie kommt man an das wirkliche Selbst heran, welches ist der beste und sicherste Weg dorthin?
Ich denke er beginnt mit einer Entscheidung und dem Entschluss sich mit allen Facetten anzuerkennen und diesem Geschehen dann auch aktive Schritte folgen zu lassen. Der Weg führt über Selbsterfahrung – das auf sich selbst blicken, Persönlichkeitsentwicklung, Selbsterforschung, Selbstreflexion nach irgendwo und das Ende ist nicht erkennbar. Die Seele spricht zu uns, in leisen Tönen, die in dem Maße lauter werden, wie sich jemand von seinen Einschränkungen befreit. Freude ist die Richtschnur, welche uns zu unseren Lebensaufgaben führt und indem wir ihr konsequent folgen und vertrauen, führt sie uns zu dem, wofür wir in diesem Leben hier sind – zu dem, was das Leben von uns erwartet.
Ich glaube daran, dass wir geboren wurden, um uns zu entwickeln, unsere wahre Natur zu enthüllen und die größten Potenziale, die in uns schlummern, freizulegen. Folgen Sie Ihrem Herzen und Ihrer Intuition und leben Sie Ihr Leben und nicht das eines anderen. Mit den Worten von Abraham Lincoln: „Ich muss nicht unbedingt gewinnen, aber ich muss ehrlich sein. Ich muss nicht unbedingt erfolgreich sein, aber ich muss nach dem Licht streben, das in mir ist.“


Der Autor Christoph Mahr ist Gründer, Leiter und hauptverantwortlicher Trainer des Instituts Christoph Mahr, von EMDR & Hypnose in Berlin und Entwickler des Psychotherapiemodells Integrative Psychotherapie. Er arbeitet als Coach und Therapeut in eigener Praxis, ist Autor zahlreicher Fachartikel und eines Fachbuches zum Thema Integrative Psychotherapie, Erscheinungsjahr: 2017


Weitere Informationen werden im Archiv nicht angezeigt.