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Ausgabe Februar 2016
Das Unechte ist das Natürliche. Von Artho Wittemann

Wie die Psyche ihre authentischen Schätze tarnt.

Der Begriff der Authentizität ist in unserer Gesellschaft allgegenwärtig. Das Echte, das Ursprüngliche, das Essenzhafte und Wahre - überall wird es gefordert, versprochen oder angeboten. Während unsere Welt immer künstlicher und kommerzieller wird, wird das Bekenntnis zu Echtheit immer lauter. Ist das ein Widerspruch? Sehnen wir uns deswegen nach Echtheit, gerade weil immer alles künstlicher wird? Oder mögen wir vielleicht genau diese schräge Mischung aus echter Künstlichkeit und künstlicher Echtheit? Und was hat das alles mit unserer ‚echten’ menschlichen Natur zu tun?

Auf der Suche nach dem wahren Selbst
Die Diagnose und die Beschreibung menschlicher Entfremdung in der modernen Gesellschaft ist natürlich nichts Neues. Viele haben den Verlust der Ursprünglichkeit erkannt und beklagt. Viele wertvolle Vorschläge wurden gemacht, mit welchen Maßnahmen man diese Entwicklung umkehren könnte. Wir glauben seit Freud, dass das Wahre, Ursprüngliche und das Unechte zwei gegensätzliche Antagonisten seien, die sich bekämpfen. Dieser Glaube drückt sich in unzähligen psychotherapeutischen und spirituellen Lehren und Praktiken aus.
Manche suchen das wahre Selbst in vitaler Ausdruckskraft, manche in eigensinniger Selbstbestimmtheit und manche in überpersönlicher Transzendenz. Fast immer aber sehen sie das jeweilige „Echte“ bedroht von inneren und äußeren Zwängen, die es zu erkennen und zu überwinden gilt. Aber spiegelt diese Sichtweise die tatsächlichen Verhältnisse?

Der Fetzenfisch und seine Brüder
Die belebte Natur wird gerne als Vorbild für eine unverstellt authentische Lebensweise angeführt. Sind nicht die Tiere und Pflanzen ganz sie selbst? Zeigen sie uns nicht auf wunderbare Weise, wie eine ursprüngliche Lebensweise aussieht? Dass sich Tiere und Pflanzen in einem ständigen Anpassungs- und Überlebenskampf befinden, wird da leicht übersehen. Nehmen Sie zum Beispiel den Fetzenfisch: Er sieht aus wie eine alte vergammelte Alge und deshalb ist auch niemand scharf darauf, ihn zu fressen. Er verleugnet mit seinem Aussehen nicht nur seine eigentliche Natur als Fisch; er tut auch noch so, als wäre er gar nicht wirklich da. Seine Tarnung ist von genialer Intelligenz. Ist der Fetzenfisch authentisch? Oder will er aus seiner Tarnung befreit werden? Leidet er darunter, dass ihm seine Fetzen-Strategie das schnelle Umherschwimmen und das elegante Aussehen anderer Fische unmöglich macht? Oder ist es nicht eher so, dass der Fetzenfisch gerade in seiner Tarnstrategie seine authentische Natur zeigt? Dann wären die Tarnung (Alge) und das Eigentliche (Fisch) nicht zwei grundsätzlich verschiedene Dinge, die miteinander im Wettstreit liegen, sondern sie wären aus dem gleichen ursprünglichen Willen erwachsen, dem Willen, zu leben und sich in einer feindlichen Welt zu behaupten. Die belebte Natur ist durchdrungen von dieser genialen und unbewussten Intelligenz, wie sie der Fetzenfisch zeigt. Die erstaunlichsten Strategien ermöglichen es den Lebewesen, zu überleben und sich weiter zu entfalten. Warum sollte das in der Psyche des Menschen anders sein?
Wenn wir die Dinge so betrachten, dann sind das Wahre und das Unechte keine Gegenspieler mehr, denn sie kommen aus der gleichen Quelle. Sie sind Ausdruck eines intelligenten aber unbewussten Willens, der instinktiv erkennt, dass er in seiner ursprünglichen Form bedroht ist und der nun selbst alles daran setzt, eine neue Form zu entwickeln, die ihn schützt.

Innere Quellen
Wenn wir die Psyche unvoreingenommen betrachten, dann können wir sehen, dass sie genau das gleiche macht wie der Fetzenfisch: Sie kann ihre Erscheinung bis zur Unkenntlichkeit verändern, sie kann sich ihrer Umgebung völlig anpassen und sie kann sich komplett tot stellen. Ihr Repertoire an Tricks ist riesig und sie lernt ständig dazu. Wie aber hängen diese Verwandlungskünste mit dem zusammen, was wir als das Wahre, das Echte, das Authentische in uns erleben?
Die Antwort auf diese Frage ist nicht so leicht zu finden. Das liegt eben genau an der Fähigkeit der Psyche, jeden, der ihr näher kommt, mit zahlreichen Tricks und Ablenkungen zu verwirren und auf Abstand zu halten, ohne dass dafür auch nur ein Hauch von Bewusstsein nötig wäre. Freud schloss aus diesem unbewussten Widerstand, dass es unmöglich ist, die Tiefen der Psyche direkt und systematisch zu untersuchen. Er erhob deshalb die Deutung der sichtbaren Phänomene - wie Träume, Erinnerungen oder das Verhalten - zum zentralen Werkzeug der Psychoanalyse.
Wie viel eleganter und zielführender wäre es, wenn wir die Tiefen der Innenwelt direkt bereisen könnten, um ihre inneren Zusammenhänge zu erkunden.
Um das zu erreichen, müssen wir nur eine kleine Veränderung von Freuds Ausgangspunkt vorzunehmen: Wir behalten seine Grundidee der unterschiedlichen Quellen bei, verzichten aber darauf, diesen Quellen von vorneherein bestimmte Eigenschaften zuzuweisen. Wir gestehen uns ein, dass wir die Quellen an ihrer sichtbaren Oberfläche noch nicht verstehen können. Das gibt uns die Freiheit, die Oberfläche der Quelle zu nehmen, wie sie ist, ohne voreilige Schlüsse auf ihre Tiefe schließen zu müssen.

Gleich zu Gleich
Wenn ein Mensch wissen will, welche Quellen unbewusst in ihm wirken, kann er das mit etwas Unterstützung von außen ganz direkt und systematisch untersuchen.
Dafür braucht er ein Gegenüber, einen Begleiter mit speziellen Fähigkeiten. Der Begleiter muss in der Lage ist, sich ganz auf ihn einzulassen, seine Art genau zu erfassen und ihm dann ähnlich zu werden, ohne irgendwelche Rückschlüsse daraus zu ziehen. Wenn der Mensch sagt „Schön, Dich zu sehen!“, wird sein Gegenüber auf sehr ähnliche Art vielleicht antworten. „Ja, ich freue mich auch Dich zu sehen!“. Und dann kann sich ein Dialog entfalten, zwischen zwei Ähnlichen, von ‚Gleich zu Gleich’. Angenommen, die Aussage des Klienten kommt aus einer wirklich herzlichen Quelle, die sich aufrichtig freut, den Begleiter zu sehen. Dann wird der Begleiter aus einer freundlichen Quelle in sich antworten und bald haben wir zwei Menschen, die sich in herzlicher Verbundenheit begegnen. Sie fühlen sich beide offen, nahe und vertraut.
Das klingt soweit vielleicht alles ganz normal und bekannt. Aber der Begleiter hat jetzt einen entscheidenden Paradigmenwechsel vollzogen. Er interessiert sich nicht mehr für die Worte, für die Inhalte des Klienten. Er interessiert sich vor allem für die Quelle, aus der diese Worte kommen. Dieser Paradigmenwechsel ist das entscheidende Element, das die Begegnung völlig verändern wird.
Der Begleiter wird seinem Gegenüber also ähnlich und er besteht auf dieser Ähnlichkeit. Er bringt sie sogar noch intensiver ein als der Klient selbst. Er wird – in unserem Beispiel – noch einen Tick herzlicher, einladender und freundlicher als sein Gegenüber werden. Aber nicht nur mit Worten! Seine Gesten, seine Mimik, seine Haltung, seine Emotionen, seine inneren Bilder, ja sogar sein Energiefeld verdichten sich ganz auf diese spezielle Art der Herzlichkeit, die ihm die innere Quelle des Klienten anbietet. Er erzeugt ein Resonanzphänomen und das Ergebnis ist eine äußerst eindeutige, intensive Beziehung zwischen zwei Ähnlichen.
Was auf den ersten Blick vielleicht wie ein Trick aussieht, ist in Wahrheit eine Kunst, die viel Entwicklung, Klärung und Übung von Seiten des Begleiters bedarf. Es hat nichts mit Nachmachen zu tun, nicht einmal mit den landläufig bekannten Formen des Pacings oder Spiegelns. Das Gelingen hängt ganz von der inneren Freiheit ab, die der Begleiter in seinem eigenen System erreicht hat. Denn seine eigenen inneren Quellen müssen bereit sein, sich möglichst eindeutig und intensiv auf das Gegenüber einzulassen und diesen Kontakt aus eigenem Impuls heraus zu suchen.
Wir erinnern uns: Tarnung, Uneindeutigkeit, Verwirrung sind universelle, geniale und unbewusste Strategien. Therapeuten sind da keine Ausnahmen. Ihre eigenen inneren Quellen haben sich ebenfalls gut und möglichst unauffällig geschützt. Das Gleich-zu-Gleich ist eine enorme Herausforderung, diesen Schutz fallen zu lassen und sich eindeutig zu beziehen, ohne zu wissen, wohin das führen wird. Man kann diese Kunst daher nicht einfach willentlich herstellen.
Wenn der Kontakt aber gelingt und das Resonanzphänomen in Fluss kommt, geschehen mehrere entscheidende Dinge gleichzeitig: es entsteht intensiver Kontakt, eine große Eindeutigkeit und eine wache Aufmerksamkeit, in der auch kleinste Veränderungen wahrgenommen werden. Was bedeutet das für die innere Quelle, um die es geht? Sie kann nicht mehr ausweichen. Sie steht im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit und wird eindeutig und in kleinsten Schritten nachempfunden und bejaht. Jede weitere Bewegung wird sofort mit vollzogen und vertieft. Sie soll ja nicht verändert, nicht einmal verstanden, sondern nur in ihrem momentanen So-Sein umfassend erkannt und verstärkt werden.

Schichten
In unserem Beispiel beginnt sich die herzliche Zugewandtheit langsam etwas abzukühlen. Unmerklich erst, dann immer deutlicher, schlägt die Stimmung der Quelle um. Sie ist es nicht gewohnt, dass man ihr so hartnäckig und mit ihren eigenen Mitteln begegnet. Normalerweise freut sich ihr Gegenüber kurz über die Freundlichkeit und wendet sich dann den Inhalten zu, die sie ins Spiel bringt. Das kann alles sein, was sich gerade anbietet: vom Wetter über den Verlauf der Therapie bis hin zu gesellschaftlich relevanten Fragen. Jetzt aber endet jeder ihrer Versuche, ein Thema im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu etablieren wieder bei ihr selbst und wie sie das macht. Sie wird erst nervös, dann abwehrend, schließlich offen abweisend. Der Begleiter geht wieder mit, immer eng am Vorbild der Quelle selbst, immer ähnlich antwortend und dabei die Wechsel bejahend. Aus der Herzlichkeit wird nervöser Rückzug, aus dem Rückzug dumpfes Schweigen und aus dem dumpfen Schweigen machtvoll abweisende Überlegenheit.
Und schließlich, nach vielen Stunden, zeigt sich die Quelle in ihrer eigentlichen, ursprünglichen und wesenhaften Form: als aufrechte, tatkräftige, selbstbewusste, ernsthafte und eindeutig urteilende Person – genau die Eigenschaften, die der Mensch in seinem Leben schmerzlich vermisst hatte. „Ich bin immer zu freundlich, ich kann mich nicht durchsetzen“, waren ihre ersten Worte bei Beginn des Prozesses gewesen.
„Ich musste meine Macht und mein Urteil verstecken!“ waren die Worte der inneren Quelle, als sie es zum ersten Mal wieder wagte, sich in ihrer unverstellten Form zu zeigen. „Wenn ich mein Urteil nicht mit Freundlichkeit und Rückzug getarnt hätte – ich glaube, ich hätte die Angriffe nicht überlebt.“


Selbstverdrängung
Es war also die innere Quelle selbst, die ihre tatkräftigen, selbstbewussten, ernsthaften und eindeutigen Qualitäten unter Schichten von harmlos-herzlichen, zurückgezogenen und verächtlichen Haltungen und einer großen Menge unterschiedlichster Inhalte verborgen hatte. Das war ihre Rettung, ihre Lösung angesichts einer überwältigend feindlichen Umwelt.
Hier war kein Impuls von einem Über-Ich unterdrückt worden. Die Unterdrückung kam aus der gleichen Quelle wie der Impuls. Die Quelle selbst schützte sich vor feindlichem Zugriff. Mit unbewusst-genialer Intelligenz fand sie einen Weg, sich zu tarnen und keine Angriffsfläche mehr zu bieten. Wie der Fetzenfisch bot sie einen harmlosen, nichtssagenden, verwirrend vielfältigen Anblick. So war ihre Essenz, ihre ursprünglichen Fähigkeiten und Werte, vor Angriffen geschützt.
Die Nebenwirkungen dieser Selbstverdrängung waren natürlich beträchtlich. Die ganze Tatkraft der inneren Quelle, ihre Eindeutigkeit, Urteilsfähigkeit und Entschlossenheit standen nicht mehr direkt zur Verfügung. Wo sie – ihrer Natur nach – einfach nur nachdrücklich Nein gesagt hätte, musste sie jetzt komplizierte Manöver freundlicher Ablenkungen durchführen.
Wo sie– ihrer Natur nach – einen eindeutigen Weg eingeschlagen hätte, musste sie sich nun richtungslos durchlavieren. Was aber hätte sie gemacht, wenn man ihr nahegelegt hätte, sich doch etwas in Eindeutigkeit, Abgrenzung und Durchsetzung zu üben? Sie hätte diesen Vorschlag, ihren Tarnkünsten gemäß, erst einmal akzeptiert, umfassend diskutiert und dann auf unerklärliche Weise im Nichts enden lassen. Und über diesen Erfolg hätte sie sich gefreut.


Der große Deal
Fast alle unsere inneren Quellen haben einen ähnlichen Prozess der Selbstverdrängung durchlaufen. Sie haben ihre Essenz, ihre ursprünglichen und eindeutigen Fähigkeiten, unter Schichten von tarnenden Haltungen und Inhalten begraben. Sie haben dies mit der gleichen blinden aber genialen Intelligenz getan, die in allen Lebewesen zu wirken scheint. Sie haben unbewusst erfahren und verstanden, dass das Eigentliche, Eindeutige und Wahrhaftige in diesem Leben nicht belohnt wird, sondern früher oder später Zielscheibe und Angriffsfläche wird für alle, die sich selbst durchsetzen wollen oder die andere Ziele verfolgen.
Etwa 15-20 solcher Quellen finden wir in einem Menschen, wenn wir sein inneres System systematisch untersuchen. Manche sind für die Welt sichtbar (zumindest mit ihrer Tarnung), andere sind vollständig in die Tiefen der Innenwelt abgetaucht. Nacheinander kann man sie kennen lernen und von ihrer Oberfläche bis in ihre Essenz untersuchen.
Je länger man sich mit ihnen befasst, umso klarer wird, wie willkommen den inneren Quellen alle Angebote sind, die ihnen helfen, die Welt, das Leben und die Menschen auf Abstand zu halten und trotzdem noch ein wenig an ihr teilzuhaben. Fernsehen, Kino, Internet, Werbung, Autos, Pauschalreisen und Fertiggerichte entsprechen exakt ihrer grundsätzlichen Lösung: Sie schenken Lebendigkeit und bleiben auf Abstand. Sie geben Liebe und lassen in Ruhe. Sie handeln vom Wahren ohne es zu berühren.
Dass Freude - „das persönlichste, schönste und menschlichste aller Gefühle“ - gleichbedeutend mit BMW sei, dass Pullover uns Liebesbriefe schreiben, dass Atempausen ein Produkt von Lufthansa seien – das ist unseren inneren Quellen, in ihren unbewusst getarnten Haltungen, sehr willkommen. Es unterstützt sie in ihrem Bemühen, ihr Kostbarstes, ihren unverstellten beseelten authentischen Willen zu beschützen, indem sie ihn mit Ablenkungen, Tarnmanövern und täuschend echt gemachten Kopien verbergen. Es verspricht ihnen, dass ihre Schätze verstanden und trotzdem weiterhin in Ruhe gelassen werden.
Es besteht ein universeller Vertrag, ein großer Deal, zwischen den inneren Quellen und den Herstellern dieser virtuellen Freuden. Sie brauchen sich gegenseitig. Das Unechte ist das Natürliche. Wenn wir das verstanden haben, wissen wir, wo wir das Echte suchen müssen.

Der Autor Artho S. Wittemann ist Begründer der IndividualSystemik. Zuletzt erschien sein Buch, Die Architektur der Innenwelt, Warum wir erst anfangen uns selbst zu verstehen, J. Kamphausen Verlag. Weitere Infos zur Arbeit des Autors auf www.individualsystemics.com


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