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Ausgabe Februar 2016
Das Ich und das Ganze. Von Sugata Wolf Schneider

Das menschliche Ich ist eine nützliche Konstruktion für das Zusammenleben in Gesellschaft. Es ist die Adresse, die wir einander geben. Dabei darf keine dieser Adressen einer anderen gleichen. Jede muss einzigartig sein, unverwechselbar, deshalb ist der Mensch sein Leben lang mit Profilbildung beschäftigt.

Ein Kind, das auf die Welt kommt, hat noch kein Ich. Dieses entsteht erst im Lauf der Enkulturation und Akkulturation. Enkulturation verstanden als der eher unbewusste Teil der Gestaltung eines menschlichen Wesens durch die es umgebende Kultur. Akkulturation als der eher bewusste, beabsichtigte Teil, als die Bildung eines Menschen, mittels derer er die ihn umgebende Kultur in sich aufnimmt.
So bleibt das Ich eines Menschen sein Leben lang in Bewegung und endet erst mit dem Tod des Körpers. Keinen Tag haben wir dasselbe Ich wie am Vortag, und je nach Situation und Mensch, der uns gegenübersteht, kehren wir ein anderes Ich oder einen anderen Aspekt unseres Ichs hervor.
Unsere individuelle geistige Gestalt ist ein Chamäleon, das sich seiner Umgebung anpasst.
Auch wenn die »Dickköpfe« unter uns (die sind wir ja alle) sich dem zu widersetzen suchen, können wir die Anpassung damit doch nur hinauszögern – und das sich dabei widersetzende Ich ist ja auch ein durch Anpassung gewordenes, also eine bereits korrumpierte Gestalt.
Das Ich ist instabil; immer wieder zerfällt es in seine Teile. Gut, wenn die dann wieder zusammenfinden! Andernfalls wird der körperliche Träger dieser Teile in einer psychiatrischen Anstalt verwahrt.

Welches Ganze denn bitte?
So viele Menschen heutzutage nennen sich »ganzheitlich orientiert«, aber welches Ganze meinen sie damit? Sie wollen nicht nur ein Teil vom Ganzen sein und damit parteiisch, sondern ganz und suchen deshalb nach »ganzheitlichen« Methoden, die ihnen dazu verhelfen sollen. Sie wollen nichts von sich abspalten, weil das Abgespaltene dann ja doch als »Schatten« zu ihnen zurückkehrt – Schatten als Summe des innerlich Verdrängten, welches das Ich nicht wahrhaben will als etwas Eigenes, zu ihm Gehörendes.
Dabei ist den meisten Menschen jedoch nicht klar, was sie mit Ganzheit meinen. Ich und du, sind wir eine Ganzheit? Das Wir eines Kollektivs, ist das eine Ganzheit, »unsere« Ganzheit? Meine Umgebung und ich, ist das eine Ganzheit, die meine Vereinzelung aufhebt und in der all die zyklischen Prozesse ablaufen, in denen ich lebe und mich bewege? Ist die Ökologie die Wissenschaft, die sich mit den Ganzheiten in der Natur beschäftigt, und die systemische Psychologie die Wissenschaft, die sich mit den Ganzheiten in der Gesellschaft befasst?
Der Mystiker wäre dann vielleicht einer, der »noch ganzer« sein will. Alle Ganzheiten will er in sich aufnehmen, sich darin auflösen und so die kleinen Ganzheiten unter einen einzigen großen Hut zusammenbringen – den nun wirklich ganz großen Hut, das »große Ganze«. Das All, in dem wir alle uns bewegen. Der Kosmos, der alles enthält.

Das vermaledeite Ego
Wer sich so in Richtung auf größere Ganzheiten hin bewegt, empfindet die soziale Konstruktion seines kleinen, individuellen Ich meist als Widersacher, als Hindernis auf dem Weg. Diesen Widersacher nennen wir dann Ego und vergessen dabei leicht, dass wir die individuelle Persönlichkeit als Adresse im Universum nach wie vor brauchen. Vielleicht brauchen wir sie nun sogar umso mehr, jetzt, da wir auf unserem Weg in diversen größeren Ganzen zerfließen.
Solange wir dabei unseren individuellen Charakter nicht mit einem »Charakterpanzer« umgeben, wie die Reichianer es nennen, dürfte dagegen eigentlich nichts zu sagen sein. Eine Persönlichkeit mit Charakterstärke zu sein, das wird doch allenthalben als Ziel der menschlichen Reifung empfunden. Was also soll dann mit dem Ego, diesem lateinischen Begriff für das Ich, gemeint sein?

Das Ich als blinder Fleck
Ich versuche hier mal eine Definition, die das intuitiv empfundene Negative des Ego verständlich macht, ohne die Einzigartigkeit der einzelnen Ichs mit ihren Ecken und Kanten auch nur im Geringsten zu diskreditieren. Nennen wir das Ego jetzt mal versuchsweise die Summe aus den blinden Flecken, mit denen wir als menschliches Individuum tagein, tagaus herumlaufen, jeder auf seine, individuell eigene, einzigartige Weise. Und mit »blindem Fleck« meine ich das, was ich an mir nicht sehe, wenn ich, das Subjekt, von mir aus in die Welt hinaus schaue. Die anderen aber sehen es, weil sie von außen auf mich schauen. Und an den Wirkungen, die ich in meiner »systemischen« Umgebung hinterlasse, erkenne ich es.
Auch die Netzhaut unseres Auges hat einen blinden Fleck: Das ist die Stelle, an der die Nervenleitungen sich bündeln, um von dort aus zum Gehirn zu laufen. An dieser Stelle hat die Netzhaut keine Rezeptoren. Damit unser Bild von der Welt an dieser Stelle, »wo ich bin«, keine Lücke hat, ergänzt mein Gehirn dieses Bild rechnerisch. Was das visuelle Bild der Welt, in der ich lebe, anbelangt, klappt das meist ganz gut. Was das geistige oder politische Weltbild anbelangt, schon nicht mehr so gut, denn die Stelle, von der aus ich schaue, die sehe ich nicht. Es sei denn, ich schaue von einer anderen Stelle auf diese Stelle, und dann sehe ich diese andere nicht.

Scheinwerfer sein
Ein Scheinwerfer in der Dunkelheit kann nur das sichtbar machen, was er mit seinem Licht anstrahlt. Der Scheinwerfer selbst bleibt dabei im Dunkeln. Man kann ihn verkleinern, aber um leuchten zu können, muss er größer sein als Null. Also gibt es immer eine Stelle, die er nicht beleuchtet: sich selbst.
Das Ego als Summe meiner blinden Flecken kann bei immer genauerer Selbstbeobachtung gegen Null gehen, es wird die Null aber nie erreichen. Immer bleibt ein endlicher Rest. Und bei alledem bleibt die Persönlichkeit dieses die Welt beleuchtenden Scheinwerfers, seine individuelle Marke, erhalten. Den Scheinwerfer zu verkleinern, um näher an null ranzukommen, verbessert seine Eigenschaften als Leuchte nicht. Was allerdings hilft, ist der Kontakt mit anderen Scheinwerfern, die den fragenden Scheinwerfer beleuchten können, damit er sich selbst erkennt. Die Scheinwerfer können sich gegenseitig beleuchten – das ist der Sinn von Gemeinschaft auf dem spirituellen Weg.
Die Gemeinschaften einander Beleuchtender haben dabei allerdings die Tendenz, sich von anderen Leuchtgemeinschaften abzusetzen, zu denen dann Konfliktlinien entstehen. Der gemeinsame blinde Fleck einer solchen Gemeinschaft kann dann im Kontakt mit der anderen Gemeinschaft von dieser beleuchtet werden, womit wir beim Sinn und Nutzen interkultureller Begegnung wären.
Eine Kultur kann sich selbst nur in der Begegnung mit anderen Kulturen erkennen, sonst ist das Licht, das sie in die Welt hinaus zu werfen glaubt, nur eine Projektion, eine Abbildung von sich selbst, ein Schein.

Wolf Schneider, Jg. 52. Autor, Redakteur, Kursleiter. 1971-75 Studium an der LMU München. 1975-77 in Asien. Seit 1980 Seminarleiter und Coach. 1985-2015 Hrsg. der Zeitschrift Connection. Seit 2007 Theater, Kabarett, Humorworkshops. Siehe Blog: www.connection.de, mail: schneider@connection.de


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