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Ausgabe Januar 2016
Frau Holle lebt! Von Katja Neumann

Zeit, das ist doch ein seltsames Ding. Wir leben nach der Uhr in linearer Zeit, obwohl wir wissen, dass es sie gar nicht gibt. Haben immer zu wenig davon, rennen durch den Tag, der Zeit hinterher und verschieben doch oft die wirklich wichtigen Sachen auf später, ohne zu wissen, ob es für uns ein Morgen gibt. Umso schöner, dass manche Dinge einfach bleiben, was sie sind, beständig und tröstlich: Märchen zum Beispiel. Wohl denen, die sie vorgelesen bekommen haben genauso wie denen, die sich die Zeit genommen haben, sie vorzulesen. Katja Neumann wagt mal wieder einen Blick in die nichtalltägliche Wirklichkeit und die Ewigkeit des Seins.


Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute
Es waren einmal viele wundersame Märchen, die uns in der heutigen Zeit vielleicht etwas altmodisch anmuten, aber sie sind so aktuell wie eh und je. Schaut man sich draußen um, sieht man Politiker, die gerne glauben machen möchten, sie wären alle die Guten und müssen das Böse bekämpfen. Ja, sie erzählen uns Märchen… und zwar die wenig einfallsreichen und glaubhaften.
In ihrer Deutung sind die echten alten Märchen sehr schamanischen Ursprungs. Sie erlauben Wunder. Wünsche werden wahr und letztendlich siegen immer das Gute und die Liebe. Was gibt es Schöneres, als die Hoffnung zu nähren und den Glauben an fabelhafte Wesen, Zauber und Welten, die wir Erwachsenen längst vergessen haben?
Teletubbies, Spongebob oder die Mignons werden bald durch neue, den Markt ankurbelnde Computeranimationen ersetzt, wenn den 20. Kinofilm kein Kind mehr gucken will und im Nirgendwo verschwinden - wo sie ja auch herkommen. Zu meiner Beruhigung. Sie lassen keinen Raum für innere Bilder und könnten kaum weiter entfernt sein von Natur, Ritualen und tiefen Gefühlen. Ich weiß nicht, ob ein Teletubbie lieben kann, da halte ich mich mangels inhaltlichen Wissens raus, aber selbst wenn, bleibt es flach und schal. In einer Zeit der 3D-Animationen, der technischen fast unbegrenzten Möglichkeiten, scheinen Tiefe, Fassetten und Details inhaltlich und emotional auf der Strecke zu bleiben. Märchen sind sehr alt und lange, bevor sie ab Ende des 15. Jahrhunderts auch in Buchform zu lesen waren, wurden sie mündlich überliefert und sind vermutlich so alt wie die Menschen selbst. Menschen liebten und lieben Geschichten, schon immer! Und sie möchten glauben, dass es gut wird.

Der märchenhafte Schamanismus oder die schamanischen Märchen
Der Vergleich zwischen Märchen und Schamanismus liegt ganz nah und ist in vielem verwandt. Beides stammt aus einer Zeit, in der Naturverbundenheit bedeutete: Die Natur umgab Mensch einfach, wo man auch hinsah. Man lebte mit und von ihr und die Gesetze waren so einfach wie praktisch, auch manchmal grausam. Es gibt archetypische Figuren, sprechende Tiere, helfende Naturgeister, Drachen, Einhörner und Elfen, Hexen, Flüche, Gelübde… und immer wieder Gut gegen Böse. So ist es im Schamanismus. Schamanen sind immer auch Geschichtenerzähler, alles alte Wissen ist mündlich von Generation zu Generation weitergegeben worden. Schamanen reden mit ihren Krafttieren, mit der Natur und mit Geistern. Für sie ist all dies alles kein Hirngespinst, sondern Teil einer anderen nichtalltäglichen Wirklichkeit, die mindestens genauso viel Respekt und Aufmerksamkeit fordert wie die alltägliche. Krankheiten beruhen aus schamanischer Sicht oft auf alten Flüchen, Besetzungen oder dem Verlust von Energie und Verzauberung. Das ist bis heute so, denn es gibt Dinge, die ändern sich nie. Und das hat seinen guten Grund: Es liegt eine tiefe Wahrheit darin. Wie in den Märchen.
Ich gehe noch weiter und behaupte, unser ältestes Märchen ist die Bibel. Und ich meine damit nicht, dass sie nicht wahr ist, mitnichten, das ist sie - genauso wie es die Märchen sind und genauso wurde sie über die Jahrhunderte nach Gutdünken der jeweiligen Schreiber ihrer Zeit uminterpretiert. Wir müssen also den Kern finden, die Essenz. Wie bei einem meiner Lieblingsthemen: die Rolle der Frau, im Speziellen Maria Magdalenas. Beispiel: Auf Leonardo da Vincis bekanntem Abendmahl-Gemälde ist eindeutig eine Frau zu sehen – das ist aber bis heute nicht von der Kirche anerkannt. Außerdem war Maria Magdalena schwanger. Rapunzel war es übrigens auch - mit Zwillingen sogar - nach meinen Recherchen in alltäglicher und nichtalltäglicher Wirklichkeit. Nehmen wir also die Geschichten und hören wir genau in uns hinein, dann finden wir viele solcher Wahrheiten, wenn wir nur bereit sind, hinter die Kulissen zu schauen. Vieles durfte aus keuscher kirchlicher Sicht nicht sein, Sexualität allem voran, vor allem die weibliche nicht, da sie sehr stark, spirituell und damit hochgefährlich war. Aber es lohnt sich zu graben. Es geht immer um den Funken. Wahrheit. Hoffnung. Liebe.

Wer sucht, der findet
Ein Beispiel: Als ich erfuhr, dass meine Hündin, die ich von einer spanischen Rettungsorganisation habe, den Namen Pandora trug, war für mich klar, dass sie diesen Namen a) unbedingt behält und ich mich b) damit beschäftigen muss. Die Geschichte der Pandora ist genaugenommen kein Märchen, sondern eine Sage, aber die alten Märchen sind eng verwoben mit den Sagen und kaum zu unterscheiden und ähneln sich in Aufbau und Archetypen – sie gingen nur nicht immer so gut aus. Es ist immer wieder erstaunlich, wie Menschen reagieren, teilweise sogar mit hochgezogenen Augenbrauen, wenn sie hören, wie mein Hund heißt - von wegen Büchse und Unheil, das sie über die Welt gebracht hat. Immer wieder gibt es dumme Sprüche (Entschuldigung, aber ist so). Solche „Gerüchte“ halten sich leider hartnäckig in den Köpfen und leider unhinterfragt wie so oft. Ich weiß es besser, denn wenn man sich die Mühe macht, findet man Querverweise zu Maria und dem heiligen Gral. Als ich es las, wusste ich, es ist wahr. Ich denke, Sie kennen diese Momente: Wenn man es einfach WEISS! Maria ist meine Schutzpatronin bei meiner schamanischen Arbeit und dieser Hund fiel mir zu, in den Schoß könnte man so treffend sagen und sie ist meine Assistentin, wahrscheinlich schon viele Jahrhunderte. Nein, mit Sicherheit ist sie das. Die Geschichte mit dem heiligen Gral wäre übrigens noch mal einen eigenen Artikel wert, aber da enthalte ich mich heute, denn das würde jegliche Zeichenvorgabe sprengen. Jedenfalls ist Jesus aus Sicht der heute praktizierenden Heiler einer der größten Schamanen, die unsere Zeitrechnung hat, nicht hatte. Denn er lebt ja weiter. Durch uns, die wir seine Geschichten erzählen, Heilarbeit machen und an Wunder glauben.
Und wer weiß, wo er gerade unterwegs ist. Sicher ist er nicht weit.
Um mit einem Zitat aus dem bekanntesten Märchen der neuen Zeit abzuschließen: „Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche bleibt für das Auge unsichtbar.“ (Antoine de Saint-Exupéry: Der kleine Prinz)
So mein Appell: Lesen Sie Märchen (vor), glauben Sie an Wunder, aber glauben Sie nicht alles, was uns da draußen erzählt wird. Jesus lebt, Rapunzel tut es auch und ich steige nun auf meinen Drachen und reise nach Hause. Frau Holle wartet schon.


Die Autorin Katja Neumann arbeitet mit uralten schamanischen Heilweisen in ihrer Naturheilpraxis in Berlin. www.katja-neumann.de

Buchtipp: Lesen Sie mal wieder im Alten Testament oder „Die schönsten Kinder- und Hausmärchen“ von den Gebrüdern Grimm


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