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Ausgabe Januar 2016
Sich für das Leben öffnen. Das Leben in seiner ganzen Tiefe und Fülle erleben. Von Shai Tubali


Das Ziel eines spirituellen Wegs ist, wie ein Buddha zu werden und nicht wie eine Buddha-Statue. Es geht also nicht darum, immer weniger zu fühlen, sondern darum, das aus dem Weg zu räumen, was uns am Fühlen hindert. Sobald auch nur ein Moment voll erlebt wird, verschwindet das Ich.
Manchmal gehe ich morgens joggen. An solchen Tagen wache ich voller Freude und mit einem Gefühl enormer Lebenslust und Lebendigkeit auf. Alles scheint zu tanzen: Die Schönheit der Herbstblätter, der weite Himmel, die frische Luft, die in mich hineinströmt und all die Möglichkeiten, die sich an diesem neuen Tag für mich auftun. Beim Laufen dann begegnen mir als erstes Schulkinder mit ernsten traurigen Mienen. Als nächstes sehe ich die Gesichter von Menschen, die auch joggen oder auf dem Weg zur Arbeit sind und sie wirken ebenfalls deprimiert. Und ich frage mich: „Wie kann es sein, dass unser Leben so viel Potenzial zur Freude birgt, wir aber eine solch freudlose Angelegenheit daraus machen?“
Dieses graue Gefühl von einem Leben, das vorhersehbar und eng ist, ist vielen vertraut. Wir wachen morgens auf und fühlen uns gleich müde und lustlos, wenn wir an den bevorstehenden Tag denken. Denn scheinbar ist ja alles genauso ist wie am Tag zuvor. Wir schaffen es sogar, gelangweilt zu sein - gelangweilt von einem Leben, das unglaubliche Möglichkeiten bereithält. Wenn wir für einen Moment außer Acht lassen, wie traurig dieser Zustand für viele von uns ist, dann ist die Situation beinahe komisch. Man könnte fast sagen, dass Langeweile eine der kreativsten menschlichen Erfindungen ist.
Tatsache ist, dass wenn wir das Leben als öde und begrenzt erfahren, unser zweites Chakra einfach nicht erwacht. Dieses Chakra, das im Unterbauch liegt und die Sexualorgane, den Nabel und die Nieren mit einschließt, ist das Chakra der Erfahrung und der Empfindungen. Nicht der Emotionen - diese gehören zum Herzchakra. Empfindungen sind viel ursprünglicher als Emotionen, durch sie kommunizieren wir direkt mit dem Leben und kommen mit ihm in Berührung.
Die meisten Menschen empfinden nicht sehr intensiv. Dies ist gesellschaftlicher Konsens und hängt auch von unserer Herkunft und Erziehung ab. Es ist wie das fortwährende Erbe einer Angst, die von Generation zu Generation weitergegeben wird. Wir mahnen uns und unsere Kinder: „Fürchte das Leben! Sei vorsichtig! Wenn du zu intensiv empfindest, wirst du verletzt!“ Da wir das Leben in etwas verwandelt haben, vor dem es sich zu fürchten gilt, blockieren wir das uns innewohnende unbändige Gefühl von Lebendigkeit. Wenn Empfindungen in uns sprudeln, versuchen wir uns zu entspannen und nur minimales Fühlen zuzulassen. Wir verlieben uns, aber nur ein wenig. Wir genießen etwas, aber erlauben der Freude nur ein kleines bisschen, uns zu erfüllen. Wir tanzen ein wenig, lachen ein wenig, lieben ein wenig. Und wir schlussfolgern vernünftig: „Wenn ich nur wenig fühle, werde ich auch nur wenig leiden“.
Das trifft besonders auf spirituelle Menschen zu. Der spirituell Suchende versucht oft, sich mehr und mehr vom Leben zu lösen, als ob es nicht darum ginge, ein Buddha zu werden, sondern eine Buddhastatue. Aber das Loslösen von Empfindungen stellt ein unvollständiges Verständnis der spirituellen Reise dar. Es geht nicht darum, immer weniger zu fühlen. Es geht darum, die Blockaden und Filter zu beseitigen, die uns am Fühlen hindern, so dass wir letztlich die ganze Erfahrung in uns hineinlassen können, selbst wenn es sich um Schmerz handelt. Sobald das zweite Chakra aber zu erwachen beginnt, stürzen wir uns kopfüber in die Erfahrung. Die Reise besteht dann darin, immer mehr zu fühlen, denn wir werden immer mehr eins mit unserer Erfahrung. Wenn ich tanze, sterbe ich in den Tanz hinein.

Wenn ich Schmerz erlebe, lasse ich mich von der Lebendigkeit des Schmerzes überfluten. Ich gehe ganz hindurch, ich will es fühlen!

Diese Einstellung scheint vielleicht zunächst riskant, aber sie ist viel sinnvoller, als unsere Lebendigkeit aufzusparen, als ob wir sie auf einem Bankkonto deponieren und für irgendwann später aufheben könnten. In Wirklichkeit haben wir alle nur ein Leben - dieses Leben, diesen Moment. Und wir leben es entweder oder nicht. Aufschieben und warten hat also keinen Sinn. Wenn wir das begreifen, fangen wir an, intensiv fühlen zu wollen. Wir laden das Leben ein.
Selbstverständlich spreche ich hier nicht von einem neurotischen Erregungszustand. Es geht auch nicht um Ehrgeiz, wie wenn man aufgeregt wird, weil man bei der Arbeit befördert wird oder ein neues Auto kauft. Diese Erregung ist das Gefühl einer Verbundenheit mit dem Leben, das überall pulsiert und dem man angehört. Es ist, als ob man selbst Teil des Herbstblättertanzes würde, Teil des immer fließenden Wassers des Stroms. Ich begebe mich in dieses Lebensgefühl, das auch durch mich sprudelt, hinein.
Aber um eins mit dem Leben zu werden, muss das erwachte zweite Chakra ein Hindernis loswerden - das Hindernis namens „Selbst“. Solange dieses noch da ist, schafft es eine Spaltung zwischen dem Erfahrenden und der Erfahrung. Zwischen dem Empfindenden und der Empfindung. Zwischen dem Tänzer und dem Tanz. Das Selbst ist es, was uns morgens alt und müde fühlen lässt, denn es ist aus dem alten Strom von Erinnerungen und aus Vergleichen mit tausend anderen Momenten gemacht. Das zweite Chakra ist das genaue Gegenteil: Es ist alterslos, jung und kindlich.
Das zweite Chakra aufzuwecken kann einen unterschiedlichen Anfang nehmen. Versuchen Sie zum Beispiel, sich in einem ruhigen Moment zu fragen: „Was wäre wirklich aufregend? Fallen mir zehn unerwartete Dinge ein, die meine Routine erschüttern würden?“ Ich kann mich auch fragen: „Welche Empfindungen könnte ich verstärken, die ich mir nicht genug zu fühlen erlaube? Mit welchen Empfindungen möchte ich experimentieren?“ Es gibt viele Möglichkeiten, mit dem erwachten zweiten Chakra in Berührung zu kommen, aber es ist wichtig zu verstehen, dass sie alle zum Gleichen führen sollten: in den jetzigen Augenblick zu gehen. Wenn wir uns dessen nicht bewusst sind, können wir uns weiter vormachen, dass nur eine Indienreise aufregend ist oder sich neu zu verlieben oder sexuelle Höhepunkte zu erleben. Das Leben bietet viele Abenteuer, aber das wahre Abenteuer besteht darin, einen einzigen Moment ganz zu erleben. Und wenn ich das wirklich möchte, muss ich mich selbst zurücklassen. Das ist das tiefste Geheimnis des zweiten Chakras: Lass die Erfahrung immer größer werden, bis irgendwann kein Platz mehr für dich ist. Dann öffnet das Leben seine Türen.



Shai Tubali ist ein spiritueller Lehrer und Kundalini-Meister. Er leitet das Berliner Zentrum „Chiro-Yoga - Institut für Gesundheit und Kundalini“ und unterrichtet dort die Ausbildungsreihe „Schule der Erleuchtung“, die eine direkte Erfahrung spiritueller Befreiung und der tiefen Bedeutung der yogischen Lehren ermöglicht.
Weitere Infos auf www.chiro-yoga.de


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