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Ausgabe Januar 2016
Was ist neu? Von Sugata Wolf Schneider

Es stimmt nicht, dass sich alles wandelt. Das meiste bleibt oder kehrt zyklisch wieder.

Immer ist jetzt, nie ist eine andere Zeit; und immer sind wir hier, nie woanders. Diese schlichte Botschaft hat sich inzwischen, oh Wunder, von spirituellen Kreisen ausgehend, ins Zentrum der Botschaften der Vermarkter von Speiseeis bis Pauschalreisen bewegt, sie ist Zeitgeist geworden. Hat sich der »Geist unserer Zeit« heute tatsächlich der philosophia perennis angenähert, der ewigen Philosophie, der Botschaft der Weisen aller Zeiten und Kulturen?
Nein. Er hat nur den Jargon gestohlen und die Oberfläche kopiert.
Wir sind so »außer uns«, so oberflächlich wie eh und je.
Nein, sorry für diese harte Anrede, ein bisschen optimistisch bin ich trotzdem. Vor allem aus Gründen meiner eigenen Gesundheit – Optimisten sind gesünder! – verweile ich weiterhin in der Hoffnung, dass sich etwas ändert, und zwar zum Positiven. Dass wir in diesen Zeiten großer Not anfangen, die Botschaft der Weisen an uns ranzulassen.

Nichts Neues unter der Sonne
Kulturen ändern sich. Sprache, Kleidung, Bräuche und Umgangsformen, alles das ändert sich und mischt sich durch den Kontakt mit den Formen anders akkulturierter Menschen immer wieder neu. Was bleibt, ist, dass wir der ewigen Gegenwart nicht entfliehen können, egal, ob wir uns den Jargon der Hier-und-Jetztler aneignen oder nicht. Dass wir geboren werden und sterben, egal, ob wir uns Bücher über Nahtoderlebnisse reinziehen oder, wie anno dazumal, an die Auferstehung der Seelen glauben. Was wir uns ersehnen, zieht uns, was wir fürchten, treibt uns, so ziehen und stoßen uns die Leidenschaften der Anziehung und Ablehnung durchs Leben. Bis wir dessen leid sind und ein Schimmer von Weisheit dieses Treiben erhellt, und dann ist es auch schon bald Zeit zu sterben.

Ist Spiritualität das Neue?
Das ist, was bleibt: dieses Treiben und die meist darein fehlende Einsicht. Was aber ist in alledem neu? Was ist in unserer Zeit wirklich neu, historisch noch nie da gewesen und weltkulturell so durchschlagend anders, dass es das Leben von uns sieben bis neun Milliarden Erdbewohnern tatsächlich nachhaltig und wesentlich umgestaltet?
Die Leser von Magazinen wie »Körper, Geist, Seele« neigen dazu, der Spiritualität eine Chance zu geben, allmählich Einzug zu halten in die Getriebe des Mainstreams und dort ihre Wirkung zu entfalten in unseren doch so sehr vom Materiellen übersättigten und ernüchterten Kulturen. Weisheit ist heute nicht mehr den Priestern und Brahmanen vorbehalten, die haben sie eh viel zu oft als Herrschaftsinstrument missbraucht. Weisheit ist heute für jeden zu haben, der hören oder lesen kann, fast ohne Einschränkung, auch auf Madagaskar und in den Slums von Rio; wer dies nicht hören will, muss sich schon die Ohren zustopfen.
Ändert diese Allgegenwart der Weisheitssprüche etwas? Sie bringen die Kulturen der Welt näher zusammen, immerhin das. Sie vermischen, vermanschen, vereinheitlichen sie. Der philosophia perennis gegenüber steht allerdings die profiliationis perennis, oder wie auch immer das auf gut lateinisch heißt: Innerhalb diesem sich vereinheitlichenden Ganzen wollen wir als Individuen, Gruppen, Ethnien und mit unseren Clubs der Besonderen aus dem Einerlei hervorragen, uns hervorheben, anders sein – im schlimmsten Falle durch kriegerische Handlungen.

Im Internet spitzt sich Altes zu...
Zu den usual suspects, den gewöhnlichen Verdächtigen, für die Rolle des wirklich Neuen gehört gewiss auch das Internet. Ehe ich diesem Verdacht ein paar Zeilen des Optimismus widme, zunächst die Einwände dagegen.
Das Internet ist nur eine Kultur- und Kommunikations-technik. Ein neuer Geist des Umgangs miteinander ist dort bisher nur bei Minderheiten zuhause. Man findet im Internet alles, was man bisher schon fand unter Menschen – Großartiges und Abscheuliches.
Das weltweite Netz erleichtert die Überwachung von allem und jedem. Big Brother freut sich. Für die Geheimdienste ist das WorldWideWeb das Beste, was passieren konnte; sie können nun jeden, der über das Web oder per Telefon kommuniziert, ausspionieren. Edward Snowden hat gezeigt, wie sie es machen. Wo ist der Aufruhr dagegen, der weltweite Widerstand? Man hat sich beruhigt. Und sie machen es weiter.
Ursprünglich schien das Internet dem Einzelnen die Möglichkeit zu geben, in Echtzeit, unzensiert und in unbeschränkter Reichweite zu kommunizieren wie nie zuvor. Im Lauf der kaum 25 Jahre seiner Entwicklung hat jedoch der globale Kapitalismus auch dem Internet seinen Stempel aufgedrückt. Heute übertrumpfen auch dort die Großen die Kleinen, und zwar krasser als je zuvor. Facebook, Google und Amazon beherrschen die Welt mit einer Dominanz, von der Printverleger wie Axel Springer, Heinrich Bauer, Burda und Bertelsmann einst nur träumen konnten.

… und es leuchtet Neues auf
Das Internet bietet jedoch auch positiv zu Bewertendes. Es ermöglicht Freundschaft zu halten über große Distanzen hinweg; Zugriff auf endlos viele Informationen und multimediale Kultur; noch kaum ausgeschöpfte Bildungschancen für die Massen; Vernetzungsstränge, die verbinden und so Kriege verhindern, auch wenn das zur Zeit kaum einer glauben will, weil die heutigen Kriege so eindrucksvoll vermarktet werden und auch die kriegführenden Parteien das Internet nutzen, um sich zu organisieren.
Die Mystiker aller Weltkulturen sagten es schon immer und die Psychedeliker aller Zeiten besangen es: Alles hängt mit allem zusammen, wir sind unabtrennbare Teile eines großen Ganzen! Das Internet manifestiert diese Wahrheit in einer physischen Konkretheit wie noch nie. Es verbindet uns. Kultur ohne Internet, soweit es sowas heute noch gibt, ist Kultur in der Verbannung.
Aber auch die Chancen zur Aufsplittung und Parteibildung sind durch das Internet vergrößert. Halten sich die beiden Trends die Waage? Auch das Waagehalten und einander Bedingen dieser beiden Trends wird durch das Internet besser sichtbar, als dies bei früheren Medientechniken je der Fall war. Trotz des Optimismus, zu dem mir mein Heilpraktiker rät, zögere ich, dieses Treiben insgesamt gut zu finden. Denn mit dem Internet verdichtet sich nicht nur die Intelligenz und Weisheit, es expandiert und explodiert auch die Dummheit.

Empfehlungen
Was tun in dieser Zeit des Schreckens und der Hoffnungen? Mir selbst empfehle ich fokussiert zu sein auf das Wesentliche. Mir selbst treu zu sein auch inmitten von Widerstand. Mich nicht aus der Ruhe bringen zu lassen in dem, was ich wirklich will und wofür ich stehe. Zu vertrauen, mir selbst und anderen, auch denen gegenüber, die mir misstrauen. Einfach zu sein inmitten von Komplexität. Glücklich zu sein mit dem, was da ist an Schönem – da gibt es viel. Schönheit und Güte zu begrüßen, wo sie sich zeigen. Wahrhaftig zu sein auch dann, wenn ich belogen werde. Das Leuchten zu würdigen, vor allem dort, wo es unverhofft auftritt. Die Vergänglichkeit im Auge zu behalten bei allem. Zu lieben, unverdrossen, auch bei Ablehnung. Mich der Akzeptanz zu erfreuen, wo sie geschieht, ohne dabei der Illusion zu verfallen, sie würde bleiben.



Wolf Schneider, Jg. 52. Autor, Redakteur, Kursleiter. 1971-75 Studium an der LMU München. 1975-77 in Asien. Seit 1980 Seminarleiter und Coach. 1985-2015 Hrsg. der Zeitschrift Connection. Seit 2007 Theater, Kabarett, Humorworkshops. Kontakt: schneider@connection.de, Blog: www.connection.de


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