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Ausgabe Juni 2015
Ballast abwerfen. Die Berliner Entrümpelungsberaterin Gabi Rimmele berichtet über die befreiende Kraft des Loslassens.


Viele Menschen halten an Vertrautem fest, auch wenn es ihnen zu viel wird und sie offensichtlich darunter leiden. Das kann ein Zuviel an Gegenständen sein, eine übervolle Wohnung verbunden mit Chaos und Engegefühl. Es kann auch ein Zuviel an Aktivitäten sein, die den persönlichen Alltag bestimmen und regelmäßig Stress verursachen. Manche Menschen pflegen Beziehungen über Jahre und Jahrzehnte, obwohl sie sie als anstrengend und energieraubend empfinden.

Warum nur ist es so schwer, etwas loszulassen, von dem wir wissen, dass es uns belastet?
„Das Chaos gibt mir Sicherheit, das kenne ich. Schon immer.“ Oder: „Immer wenn ich etwas wegwerfen will, denke ich, das hebe ich sicherheitshalber noch mal auf. Man weiß nie, wann man es doch noch mal gebrauchen kann.“ Dies sind Aussagen aus meiner Praxis als Entrümpelungsberaterin.
Das Festhalten gibt Sicherheit. Das gilt nicht nur für das Horten von Gegenständen. Es betrifft auch den Stress, den wir uns im Alltag machen. Der alltägliche Stress ist uns vertraut. Was passiert eigentlich, wenn einmal nichts passiert? – Sicherheit finden wir in unseren altbekannten Beziehungen, auch in denen, die uns schon lange nicht mehr glücklich machen. Sie sind uns dennoch vertraut. Und vielleicht ist uns auch dieses leichte, aber beständige Leiden, das der alte Ballast in unserem Inneren verursacht, vertraut und Teil unseres Lebens geworden.

Zu viel Ballast engt ein
Gleichzeitig spüren viele Menschen, dass dieser alte Ballast sie einengt. Er lässt ihnen wenig oder keinen Raum für Neues in ihrem Leben. In der Wohnung gibt es schlichtweg keinen Platz mehr für Neues und auch im inneren Raum finden sie keine Energie mehr für neue Ideen und Perspektiven. Was also tun?
Das eigene Leben zu entrümpeln ist zuallererst ein Innehalten und Nachspüren. Es ist eine Art Rückschau, bei der alle Elemente im eigenen Leben, die einem zu viel geworden sind, aufgespürt werden. Welche Gegenstände in meiner Wohnung, welche Aktivitäten oder welche Beziehungen in meinem Leben waren in der Vergangenheit wichtig, verursachen aber im Heute ein ungutes Gefühl?
In einem zweiten Schritt richtet sich der Fokus auf das Hier und Jetzt: Was möchte ich jetzt? Was tut mir heute gut? Was macht mich heute zufrieden und glücklich? Der Einzelne entwickelt eine neue Achtsamkeit für sich und seine Bedürfnisse. Und er lernt zu unterscheiden: Was ist heute wichtig und was nicht mehr?
Viele Menschen nehmen dadurch ihre eigene Entwicklung und persönliche Veränderung ganz neu wahr. Ihnen wird dabei bewusst, dass sie ihre vielfältigen Lebenserfahrungen schon längst in ihrem Innersten integriert haben. Sie erleben eine neue Perspektive auf ihr Leben. Auf diesem Hintergrund lernen sie schrittweise, das Vergangene zu erkennen und sich von dem zu lösen, was im Heute zur Belastung geworden ist. Stück für Stück gewinnen sie Raum für ihre Gegenwart und für alles, was noch kommen wird. Dieser Prozess ist nicht einfach und braucht Zeit. Und Mut.

Entrümpeln ist mutig!
Wer sich entscheidet, alten Ballast loszulassen, gibt Vertrautheit und Sicherheit auf. Es braucht Mut etwas wegzuwerfen, von dem man bisher angenommen hatte, es irgendwann noch zu brauchen. Dabei kann es helfen, sich vorher das persönliche „Risiko“ bewusst zu machen und die möglichen Konsequenzen abzuschätzen: Behalte ich vorsorglich hundert Dinge, weil ich eines davon später vermissen könnte, oder entsorge ich die hundert Dinge und gehe das Risiko ein, eine Sache später tatsächlich neu kaufen zu müssen? Was würde es mich an Zeit, Energie und Geld kosten, das weggeworfene Stück Stoff oder das verschenkte Buch neu zu besorgen?
Auch in anderen Lebensbereichen erfordert das Loslassen Mut: Manche Menschen brauchen Mut, um Ruhe zulassen zu können und in der Ruhe sich selbst zu begegnen. In unseren Beziehungen erfordert es Mut, alte Rollen, die uns unzufrieden machen, aufzubrechen und die eigenen Bedürfnisse selbstbewusster zu vertreten. Es ist mutig, die eigene Hilfe einmal nicht anzubieten, wenn man vorher immer geholfen hat. Denn es bedeutet auch, das damit verbundene Gefühl, gebraucht zu werden, einmal loszulassen. Und es ist mutig, Beziehungen zu früheren Freunden oder Bekannten zu beenden, wenn man feststellt, dass man sich weit auseinander entwickelt und sich nichts mehr zu sagen hat.
Gerade in der Beziehung zu anderen Menschen ist das Entrümpeln und Loslassen eine besondere Herausforderung. Es bedeutet, vor den anderen zu sich selbst zu stehen und sich dem anderen zuzumuten.
Zu entrümpeln ist mutig, weil es Leerstellen im Leben schafft, Leere im konkreten Raum, in der Zeit und in den Beziehungen. Aber der Mut lohnt sich, denn das Leben gewinnt eine neue Qualität: Wenn das Chaos in der Wohnung reduziert wird, kommen die einzelnen Gegenstände in der Wohnung oft viel besser zur Geltung. Wenn ich mir Pausen einplane und nicht mehr von einer Aktivität zur nächsten hetze, kann ich das, was ich tue, bewusster tun und umso mehr genießen. Ein Mittagessen in Ruhe bringt ebenfalls mehr Genuss, als ein Imbiss, den ich im Gehen esse. Und das Helfen macht mehr Freude, wenn ich nicht mehr aus reiner Gewohnheit helfe, sondern nur dann, wenn ich tatsächlich die Kraft dafür habe. So stärkt das Loslassen unsere Achtsamkeit mit uns selbst, unsere Genussfähigkeit im Alltag und unsere Lebensfreude. Das Entrümpeln verleiht unserem Leben neue Leichtigkeit und eine neue kraftvolle Energie.

Gabi Rimmele ist Entrümpelungsberaterin, Sozialarbeiterin und Coach. Seit 2012 betreibt sie außerdem ein Tauschmobil, eine Plattform zum geldlosen Tausch von all den Dingen, die zu gut sind zum Wegwerfen. Autorin von: Tausche Chaos gegen Leichtigkeit. So entrümpeln Sie Ihr Leben. Patmos Verlag, Ostfildern 2015 (erscheint am 25. August 2015). Info & Kontakt unter: www.tauschmobil.de, www.entrümpelungsberatung.de


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