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Ausgabe Juni 2015
Intuitives Singen. Der Songwriter und Musiker Michael Stillwater im Interview mit Ali Schmidt über heilsames Singen.



Was bedeutet dir das Singen spiritueller Lieder?
Ich liebe es, wie sich mantrisches Singen mit dem schlichten Wiederholen weniger Worte im Innersten anfühlt und wie es in einer Singgruppe auch mit fremden Menschen einen Moment von Einheit und Harmonie schafft.

Hat diese Art zu singen auch gesundheitlich positive Effekte?
Spirituelles Singen verlangsamt und vertieft das Atmen. Schon allein dadurch wirkt es entspannend und heilsam für Körper, Geist und Seele. Aber auch die Achtsamkeit beim Singen hilft uns, inneren Frieden zu finden; die mantrischen Silben bringen uns in Kontakt mit dem Göttlichen und mit uns selbst.

Du hast in deinen Workshops das „Intuitive Singen“ erfunden. Was meinst du damit?
Ich bin ein Songwriter, das heißt, ich schaffe an einem Lied über längere Zeit. Ich freue mich aber auch, Lieder im Moment erstehen zu lassen. Kinder in der ganzen Welt machen, bevor kritisches Selbst-Bewusstsein einsetzt, spontan Lieder - als natürlichen Ausdruck dessen, was sie gerade fühlen, denken und empfinden.
Als ich begann, für Einzelne und Gruppen “Song Portraits” anzubieten, merkte ich, dass die Botschaft ihrer spontanen Lieder synchron ist mit dem inneren Prozess. Die Praxis des Loslassens durch das spontane Lied ist auch für Erwachsene eine Methode, um sich wieder zu vereinen mit dem eigenen, natürlichen Selbst. Im Prozess des spontanen Liedermachens, im Erschaffen eines neuen Songs können wir eine natürliche Empathie und Resonanz erfahren, die sehr tief gehen kann. In den 90er Jahren brachte ich die Kunst des intuitiven Liedes in die Hospize in den USA und teilte diese auch mit den Angehörigen der Sterbenden. Das war sehr berührend und führte dazu, eine CD zu machen mit dem Titel ”Graceful Passages: A Companion for Living and Dying“: Elisabeth Kübler-Ross, Thich Nhat Hanh, Ram Dass u.a. sprechen über das Sterben, vertont mit Musik. Diese CD wurde über einhunderttausendmal mal gekauft und wurde ein wichtiges spirituelles Instrument in Hospizen und für Menschen in Übergangsphasen.

Muss man ein Sänger sein, um derart spontane Lieder zu erfinden?
Die Freude des intuitiven Singens ist in jedem Menschen angelegt. Ich habe lediglich eine Methode entwickelt, diese existenzielle Quelle wiederzuentdecken, die uns als kleinen Kindern natürlich zur Verfügung stand. Für viele von uns hat das spontane, natürliche Singen aufgehört in einem frühen Alter, oft als Reaktion auf Kritik von außen. Seit nunmehr 20 Jahre helfe ich Menschen, die Freude des spontanen Singens wieder zu erleben, geboren aus den eigenen Gefühlen, aus der eigenen Geschichte. Die Methode dazu, die ich “Song Sourcing” nenne, ist für jeden einfach zu verstehen und nach einer Sitzung selbst zu praktizieren. Eine heilende Wiederverbindung kann gelingen in der wohlwollenden und gewährenden Präsenz anderer Menschen, die auch an diesem Prozess interessiert sind. Wenn du deine Stimme und dein Lied zurückholst als zu deinem Eigenen gehörend, verbindest du dich wieder mit der Quelle deiner kreativen Kräfte. Dieses Wiederfinden wird dir helfen, deinen Auftrag zu erfüllen und andere zu unterstützen.

Michael Stillwater ist Musiker, Seminarleiter und Filmemacher. Er hat den preisgekrönten Dokumentarfilm “Shining Night” gedreht. Er ist der Begründer von „Inner Harmony“ und „Song Without Borders“. Zusammen mit seiner Frau Doris, Diplompsychologin für kontemplative Psychologie, leitet er Seminare in Europa und Amerika.


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