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Ausgabe März 2015
Mädchenzeit und Frauenblut. Von Petra Hinze

Jede innere Entwicklung braucht ihre Zeit. -Dalai Lama-

Wir wachsen oft unbemerkt heran, die Übergänge im Leben sind fließend und schon ist aus dem kleinen Mädchen eine junge Frau geworden, deren Körper sich auf die Mutterschaft vorbereitet. Die Veränderungen sind fließend und doch so bedeutsam im Leben einer Frau.
Als kleines Mädchen werden wir geschützt und umsorgt. Die Familie ist bestrebt, alles zum Wohle ihrer Tochter beizutragen - ihr eine behütete Kindheit zu ermöglichen, schöne Erfahrungen weiterzugeben, Tugenden zu vermitteln, vielleicht aber auch die Freiheit, ganz neue Erfahrungen sammeln zu können.

Die große Reise in das Erwachsensein kann beginnen
Das einschneidende Erlebnis für die Mädchen auf diesem Weg ist die erste Blutung - eine monatliche Begleiterin, bis sie wieder versiegt und die Kraft sich nach innen wandelt. Bis dahin vergehen einige Frauenjahr.
Heute erleben wir unsere Weiblichkeit viel freier, als noch vor einigen Jahrzehnten. Vieles ist im Leben einer Frau einfacher geworden. Wir gelangen Dank unserer Mütter und Großmütter, durch die mutigen Taten vieler Wegweiserinnen zunehmend in den Genuss, unser Dasein selbst gestalten zu können.
Doch wie steht es mit der Freiheit im Bewusstsein und im Umgang mit der bemerkenswerten Phase unserer Weiblichkeit?
„Menstruation“, „Tage“, „Regel“ - die Vielfalt in der Begrifflichkeit als Ausdruck einer Suche nach der Bedeutung oder der Scham, dem Ereignis einen einheitlichen Ausdruck zu verleihen? Abgesehen von medizinischer Fachlichkeit haben wir die tiefere Bedeutung und das Deuten der Blutung vergessen. Helles und dunkles Blut, dünn- und dickflüssig, wer schenkt dem schon Beachtung? Wo liegen die Ursachen für Veränderungen, wo die Mitteilung dahinter? Ist alles gut so, wie sie ist, oder ist die hellrote Farbe ein Zeichen, dass das Leben in letzter Zeit etwas kräftezehrend war? Die Blutung reagiert, ebenso wie bekannte psychosomatische Reaktionen, wie unsere Haut und andere Organe auf alles, was in uns ist und auf uns wirkt. Sie ist ein Teil von uns Frauen, keine lästige Nebensache - missachtet, schambesetzt und irritierend!
Männer und Frauen gehen sehr unterschiedlich damit um. Die vorpubertäre Prägung spielt eine bedeutende Rolle, wir Frauen sind oft nicht ganz im Reinen mit unserer Blutung.
Wie stehen wir Frauen also zu unserer Blutung? Welche persönliche Verbindung haben wir zu uns, wenn wir diese Zeit erleben? Was hat uns geprägt? Wie wurden wir in diese Zeit der Frau eingeführt?
Über die Blutung offen zu sprechen, ist auch heute noch ein Tabu, ein gesellschaftliches Thema, dem nicht wohlgesonnen und offen begegnet wird, ein Thema voller unachtsamer Klischees. Blut gilt als unrein – die Farbe, der Geruch auffallend und störend. Längst bieten sich medizinische Möglichkeiten, die Menstruation zu unterdrücken. Die Forschung findet sicher dazu heute nicht ihr Ende. Die öffentliche Werbung als Wegbereiter von Unterdrückung weiblicher Natürlichkeit? Was nehmen wir uns alles!
Wie oft überschätzen wir unsere Kräfte, weil es von uns erwartet wird, überhören die Signale unseres Körpers, bis wir ernsthaft erkranken? An manchen unserer „Tage“ sehnen wir uns nach Ruhe, einer Auszeit, Rückzug, unserem Wohlfühlort. Zu oft fehlen uns Zeit und Muße. Die Wahrnehmung wird trügerisch oder gar mangelhaft.

Was aber brauchen wir wirklich?
In manchen Kulturen existierten Mondhütten, in denen sich Frauen begegneten und gemeinsam ruhten. In der Blutzeit ist die Frauenenergie besonders intensiv nach innen gerichtet. Es ist unsere Natur und unser Energiezyklus, der Kräfte freisetzt und Weiblichkeit entfaltet. Das Bewusstsein für die Achtsamkeit gegenüber den natürlichen Gegebenheiten, den eigenen Bedürfnissen, dafür Raum und Zeit zu schaffen ist heute eine Herausforderung und gleichzeitig eine Möglichkeit und Chance für mehr Lebensqualität und guter körperlicher und seelischer Gesundheit.
Geben wir es weiter an unsere Töchter und auch an unsere Söhne!
Es gibt viele schöne Möglichkeiten, den Weg vom Mädchen zur Frau bewusst zu beschreiten und zu begleiten. Am wichtigsten ist der offene Umgang mit all den Veränderungen im persönlichen Kontakt und im Austausch über die Natürlichkeit und über den Zyklus in der Wiederholung.
Was möchtest du weitergeben? Erinnerst du dich, wie du es erlebt hast, was du dir gewünscht hättest? Wie waren deine Gefühle? Ich gebe dir ein paar Ideen mit auf den Weg, diese Zeit für dich und deine Tochter besonders zu begleiten:
Mit dem Eintreten der ersten Blutung kann ein wunderschönes Fest für die Tochter ausgerichtet werden - individuell, dem Bedürfnis des Mädchens entsprechend. Diesen Tag für das Mädchen zu einem besonderen Ereignis werden zu lassen, der Schönes birgt und Weiblichkeit schenkt, ermöglicht eine gesunde Basis auf dem Weg der Mädchen zur Frau.
Oder zelebriere ein Übergangsritual im Kreise der Freundinnen. Der Übergang vom Mädchen zur Frau vollzieht sich schrittweise als ein Prozess der Reifung. Rituale sind in vielen Kulturen Tradition, um einen Prozess zu markieren - den Abschied und den Neubeginn, aus denen tiefgründige Veränderungen hervorgehen. Die Mädchen erleben gemeinsam eine „Auszeit“ - meist bis zu 4 Tagen, Zeit für Wachstum, Austausch, Fragen und Erleben dürfen. Neues, in Form einer Prüfung (z.B. eine Nacht im Freien ganz alleine) soll ermöglicht werden. Im Anschluss von der Mutter empfangen zu werden und ein großes gemeinsames Fest mit allen Frauen zu feiern, runden die besonderen Tage ab.
Beide Ereignisse bergen für Mütter und Töchter ein Geschenk. Sie in den Kreis der Frauen aufzunehmen, an ihrer Seite zu stehen, zu gehen und zu begleiten. Die Gaben und die Kräfte zu erkennen, zu würdigen und zu leben.
In manchen Phasen kann das Mutter-Tochter-Verhältnis nicht einfach sein. Schön ist es dennoch, der Tochter eine Wegbegleiterin oder Ratgeberin an die Seite zu stellen, welche sie unterstützt auf ihrem Weg. Entwicklungsbedingte Grenzen, Distanz oder Unsicherheiten hindern mitunter gemeinsame vertrauensvolle Nähe zu erleben. Dann sind die Freundinnen der engste Kreis für den intimen Austausch oder eine Fremde, die zur Ratgeberin werden kann.
Mit dem Ereignis der ersten Blutung zeigt sich die Wandlung vom Mädchen zur Frau auch im äußeren Umfeld. Mit dem Blut sind wir Frauen alle miteinander verbunden. So beginnt für jede Frau die Reise ins Frausein.

Die Autorin Petra Hinze ist Gesundheitspraktikerin und Schamanin. Seit mehreren Jahren widmet sie sich der weiblichen Spiritualität. Sie initiert Projekte für Mädchen im Wandel. Sie bietet Einzelsitzungen, Abend & Jahreskurse, Rituale und Reisen an. www.petra-hinze.de


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