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Ausgabe Januar 2015
Beitragsreihe 2015 von Andreas Krüger Homöopathisches Heilmittel: Katzenmilch

Freiheit ist, wenn alles sein darf.


H. Schäfer: Wir hatten jetzt Wolfsmilch, Hundemilch, Hirschmilch, Elefantenmilch, Eselsmilch, Schweinemilch und Löwenmilch. Gibt es noch eine wichtige Milch, die Menschen als homöopathisches Mittel nutzen können?
Andreas Krüger: Ja, heute würde ich gerne über die Katzenmilch sprechen. Wenn wir über Milche sprechen, müssen wir im Grunde immer zwei Dinge im Auge haben. Einmal das Bild einer Milch, welches durch Prüfung oder Erfahrung am Krankenbett, also durch Einsatz in der homöopathischen Praxis entstanden ist und wir müssen die Erfahrung des Milchweges mit einfließen lassen, einer besonderen Art der homöo-pathischen Mittelanwendung, die die Kollegin Rita Mayer entdeckt, erforscht und uns Homöopathen für die praktische Anwendung in die Hand gegeben hat. Ich beschäftige mich seit 35 Jahren mit dem Thema Beziehungen und stelle immer wieder fest, dass es zu Verstrickungen kommt, weil die Partner leidenschaftlich aufeinander reagieren und Leidenschaft ist das, was Leiden schafft.

Inwieweit hilft Katzenmilch?
Sie ist ein wunderbares Mittel für Menschen, die in Beziehungen leben und leidenschaftlich auf ihren Partner reagieren, weil er Eigenschaften hat, die sie zur Weißglut bringen, die sie beängstigen und einengen. Katzenmilch hilft sowohl dem Partner, der diese Eigenschaften hat als auch dem Partner, der sich leidenschaftlich von diesen Eigenschaften bedroht fühlt.
Anfangen möchte ich mit dem klassischen Bild, das man aus der Katzenmilchlehre kennt: Da stehen zwei Dinge ganz stark im Vordergrund und das sind die Themen „Unabhängigkeit“ und „Autonomie“. Jetzt werden wir beide Seiten herausarbeiten.
Einmal gibt es eine absolute Wichtigkeit von Unabhängigkeit und Autonomie, dass wir bei der Katzenmilch an Mittel wie Sepia denken: Komm her, geh weg, wer näher als fünf Meter an mich herankommt, ist mein Feind – oder an Tuberkulinum: Wenn Nähe entstanden ist, muss Tuberkulinum sofort weg. Es ist ein Mittel für die Scheidungskinder. Es geht um Intimität, es geht um zu viel Nähe, es geht um zu viel Intimität und gleichzeitig um ein wahnsinniges Verlangen nach Intimität und die Unfähigkeit, sich zurückzuziehen. Ganz wichtig im Bild von Katzenmilch ist das Verlangen, sich immer wieder zurückzuziehen, immer wieder aus Beziehungen herauszugehen. Besonders wenn diese Beziehungen sehr nah und intim waren, entwickelt die eine Seite der Pathologie Auflösungstendenzen, Abhängigkeitsängste und muss sich dann zwangsweise wieder aus diesen Beziehungen herausziehen. Darum ist es typisch für Katzentypmenschen, dass sie sich von vornherein schon Wochenendbeziehungen suchen oder sie schlafen in getrennten Schlafzimmern oder auch in getrennten Wohnungen. Ein Leitsymptom ist der klammernde Partner, wobei Klammern schon der Satz bedeuten kann: „Du bist für mich der wichtigste Mensch der Welt.“

Wie kann Katzenmilch hier helfen, um Liebe, Akzeptanz und Zuwendung herzustellen?
Es gibt ja den schönen Satz: „Geliebt werde ich eigentlich dort, wo ich schwach mich zeigen darf, ohne Stärken zu produzieren und Heilung und Freiheit ist, wenn alles möglich ist.“ Wenn wir ganz unsere Bedürftigkeit zeigen können, ohne den anderen zu bedrohen, wo der andere aber auch ganz seine Freiheit zeigen kann, ohne dem anderen Angst zu machen, verlassen zu werden. Und beides ist ein großes Katzenmilchthema.
Ich fange mit dem Milchweg an. Beim Milchweg arbeiten wir nicht primär nach den Gesetzen der Ähnlichkeit, sondern schauen, welche Qualität ein Tier hat. Wir haben die Vorstellung, dass wir diese Qualität eines Tieres durch seine Milch auf einen Menschen übertragen können, dem diese Qualitäten – warum auch immer – abhanden gekommen sind. Ich muss vorab sagen, dass ich nach dem Milchweg nur behandele, wenn bei einer vorherigen radionischen oder kinesiologischen Testung wirklich das System des Patienten mich beauftragt, nach dem Milchweg zu gehen.
Wenn jemand zu mir kommt, der völlig abhängig ist, der immer in der Löffelchenposition schlafen muss, der immer Händchen halten muss und ständig Liebeserklärungen braucht, also Menschen, die darunter leiden, dass sie überhaupt nicht in der Lage sind, autonom zu sein, denen kann Katzenmilch helfen, endlich einmal auch das Alleinsein auszuhalten und ein Ja zu ihrer eigenen Autonomie zu spüren. Wenn wir nicht den Milchweg testen, bekommen solche Menschen Pulsatilla oder Calcium – Mittel, die eine ganz starke Konfluenzsehnsucht haben und wir werden nicht erfolgreich sein, denn diese Menschen brauchen Katzenmilch, um diese Fähigkeit zu entwickeln.
Die prozessorientierte Homöopathie gibt Menschen Katzenmilch, die Beziehung wahrnehmen wie „ein gemeinsames durch das Leben gehen“ oder wie Rilke so schön sagt „sich zum Wächter der eigenen Einsamkeit gegenseitig zu berufen“.
Dem Katzenmilchpatienten, der absolut freiheitsliebend und autonom ist, der sich von der Konfluenzsehnsucht seines Partners bedroht fühlt – dem hilft Katzenmilch, einen Zugang zu seiner eigenen Bedürftigkeit und seinem eigenen Verschmelzungsverlangen und seiner eigenen Liebesbedürftigkeit zu bekommen. Ich glaube, dass wir alle dieses Bedürfnis haben und von Hause aus soziale, sich um uns sorgende Berührungswesen sind. Wer das aber in der Kindheit nicht erlebt hat, hat zum einen keine Rezeptoren für das Umsorgen und sogar Angst, sich auf so eine Energie einzulassen, denn er hat Angst sich aufzulösen, aufzuhören zu existieren oder abhängig zu werden. Hier hilft wieder die Katzenmilch, demjenigen aus der übertriebenen, abgrenzenden Ablehnung dessen, was ihm vom anderen entgegen gebracht wird, rauszuholen und ihm hilft, die ganzen abgespaltenen und unterdrückten Elemente der eigenen Bedürftigkeit anzunehmen.

Wenn ich das richtig verstehe, hat Katzenmilch zwei Pole?
Jedes Mittel hat zwei Pole, aber bei der Katzenmilch sehen wir es ganz deutlich: Der Pol des Milchweges ist ein Weg in die Autonomie und der Weg der prozessorientierten und in dem Fall schattenorientierten Homöopathie ist, die Annahme der eigenen Bedürftigkeit zu integrieren.
Die Katzenmilch hat mir geholfen, das Wort meines Lehrers Vyvamos zu verstehen, dass alles Spiegelung ist: Alles, was mir begegnet, ist Spiegelung und wenn ich darauf aversiv, ängstlich oder mich zwanghaft abgrenzend reagiere, ist es immer ein Zeichen dafür, das mir ein eigenes, abgelehntes, verbotenes Thema begegnet. Wenn es kein Thema von mir ist, wird es mir nicht begegnen. Freiheit ist, wenn alles sein darf. Katzenmilch hilft uns, dass alles sein darf und dass jeder sein darf, wie er ist.

Andreas Krüger ist Heilpraktiker, Schulleiter und Dozent an der Samuel-Hahnemann-Schule in Berlin für Prozessorientierte Homöopathie, Leibarbeit, Ikonographie & schamanischer Heilkunst. Sein aktuelles Buch „Heiler und heiler werden – Gespräche über die Heilkunst“ erschien im Verlag Simon + Leutner, 2013.
Weitere Informationen: www.Samuel-Hahnemann-Schule.de


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