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Ausgabe September 2014
Ich bin zu spät - ist das wahr? The Work of Byron Katie und die Kraft des JETZT. Von Ulrich Fischer


“The Work” ist ein Prozess, der aus vier Fragen und Umkehrungen von stressigen Gedanken und Glaubenssätzen besteht. Entwickelt von der Amerikanerin Byron Katie, die 1986 nach mehreren Jahren schwerster Depression eines morgens wie verwandelt aufwachte. Schmerz, Dunkelheit und Verzweiflung waren vorbei – und sie erkannte, dass es nicht die Welt war, an der sie litt, sondern dass ihre Gedanken über die Welt der Grund ihres Leidens gewesen waren.
So kann The Work helfen, die eigenen, schmerzvollen Gedanken und Geschichten zu hinterfragen. Die schmerzvollen, “großen” Lebensgeschichten ebenso wie die kleinen Ärgernisse und Stresssituationen des Alltags. Selbst längst vergessene schmerzvolle Episoden können zum wertvollen Material werden.
Meistens verändern sich durch The Work unsere Geschichten. Einige Stories halten einer Untersuchung mit The Work nicht stand – sie brechen zusammen wie ein Kartenhaus und was bleibt ist für gewöhnlich etwas viel Friedvolleres, Verständnisvolleres und Liebevolleres als das bisherige Drama. Manchmal sind die Effekte von The Work auch nur subtil oder der berühmte Groschen fällt mit etwas Verspätung. Hier und da (gerade am Anfang, wenn man The Work neu kennenlernt) geht der Verstand zunächst in vehementen Widerstand gegen die vier Fragen und die Umkehrungen. Die (alte) Wahrheit wird nach besten Kräften verteidigt. Schließlich stützt und konstituiert sie unsere Identität – daran wird doch bitte nicht gerüttelt.
Ich oute mich in diesem Artikel als vielbeschäftigter Trainer und Coach, der für gewöhnlich mit vielen Themen, Projekten und Ideen gleichzeitig unterwegs ist. Ich kümmere mich um die Vorbereitung meiner Seminare, mache selber meine Termine, kümmere mich um Akquise von neuen Auftraggebern und sorge für mein eigenes Marketing. Zugegeben: hier und da gerate ich damit an meine eigenen Grenzen. Es wird mir auch schon mal zuviel mit meinen TODOs. Und dann vergleiche ich mich mit der “Norm”.
Als Trainer/Coach hat man zu sein: allzeit organisiert, verbindlich und zuverlässig. Perfekt vorbereitet sowieso. Und natürlich pünktlich. Wer unter anderem Seminare zum Thema Zeitmanagement gibt, der wird das selber doch wohl hinkriegen und mit gutem Beispiel vorangehen?
Auch wenn ich als Selbstständiger einige Freiheiten genieße: Ich erlebe durchaus stressige Momente rund um die Themen Zeit, Arbeit und Geld. Bei einer Terminvereinbarung neulich habe ich eine feste Zusage verschwitzt, den zugesagten Infotext nicht eingereicht, und mich zu allem Überfluss noch nicht einmal zeitnah gemeldet, dass ich den Termin nicht halten kann. Als ich mein Missgeschick bemerkte, war meine erste Reaktion selbstverständlich: Stress. The Work sei Dank hielt dieser nicht allzu lange an, und es gelang mir vergleichsweise schnell, wieder handlungsfähig und aktiv zu werden. Diese Erfahrung möchte ich mit den KGS-Lesern teilen.
Der Grund für meinen Stress lässt sich an einem einfachen Satz – einem Gedanken – festmachen: Ich bin zu spät. Man könnte meinen: ein ganz unspektakuläres Gedankengebilde. Diesen Gedanken hat doch jeder von uns, immer mal wieder. Selbst diejenigen, die es gut hinkriegen mit der Pünktlichkeit. Byron Katie sagt sehr schön: Es gibt keine neuen stressvollen Gedanken – die sind alle bloß recycelt.
Nur: allein dadurch, dass andere auch so denken, geht der Stress, den ich aktuell habe, leider noch nicht weg.
Und ehe ich mich‘s versehe wird The Work schon aktiv und der Gedanke wird zum Material einer gründlicheren Untersuchung. Also los!

Ich bin zu spät.

Frage eins: Ist das wahr? - Ja.
(Fakt ist: Ich habe die Deadline verpasst)
Frage zwei: Kannst du mit absoluter Sicherheit wissen, dass das wahr ist? - Nein.
(Vielleicht bekomme ich einen Aufschub, wenn ich danach frage)
Frage drei: Was passiert, wie reagierst du, wenn du den Gedanken glaubst?

Ich fühle mich wie ein Versager. Ich habe es vermasselt und geißele mich dafür. Mir ist zum Heulen, die Trauer bleibt jedoch im Körper stecken und darf sich nicht unkontrolliert Bahn machen.
Ich erlebe Verzweiflung, Enttäuschung und die Sorge, meine bisherigen Bemühungen waren alle umsonst. Ich spüre Wut auf mich selbst. Ich könnte laut schreien und tue es nicht. Ich gehe in Gedanken in die Zukunft und ermittele alle möglichen Konsequenzen. Meine Projektionen in die Zukunft sind: Ich bekomme bei dem Auftraggeber nie wieder ein Bein in die Tür. Ich verliere vollends die Kontrolle über meine Aufgaben und Projekte und mir bricht meine Existenzgrundlage weg. Ich fühle mich klein, überfordert, tue mir leid und möchte am liebsten alles hinwerfen und aufgeben.
Je länger ich den Gedanken festhalte, um so schlechter wird mein Zustand. Ich fühle mich wie gelähmt, verloren und handlungsunfähig. Dieser Gedanke bringt zweifelsohne Stress in mein Leben.

Frage vier: Wer wärst du ohne den Gedanken.
Ich wäre mehr im Hier und Jetzt. Könnte mit klarerem Kopf überlegen, was zu tun ist. Ich wäre ruhiger, besonnener. Würde verständnisvoller und liebevoller mit mir selbst umgehen. Ich könnte über mich selbst lachen und mein Verhalten als menschlich anerkennen. Ich würde mir Sorgen machen um mich selbst und mich fragen, ob ich mir nicht zu viel zumute.
Ohne den Gedanken könnte ich mich sofort hinsetzen und den ausstehenden Text runterschreiben und rausschicken. Ohne noch weiter Zeit zu verlieren. Ohne darüber nachzudenken, ob die Arbeit vielleicht umsonst ist. Ich wäre freier und aktiver.
Nach den vier Fragen werden die stressigen Gedanken bei The Work einfach umgekehrt. Die erste Umkehrung, die mir für meinen Satz einfällt, ist:

Ich bin nicht zu spät.
Was für Beispiele kann ich hierfür finden?
Ich bin nicht zu spät,
weil mein Auftraggeber den Text noch nicht angemahnt hat.
weil möglicherweise die Dinge, die ich bis jetzt erledigt habe (inkl. essen, schlafen und mich erholen) viel wichtiger waren, als diesen Text zu schreiben.
weil es die erste Zusammenarbeit ist und mein Auftraggeber mich vielleicht noch gar nicht fest eingeplant hat.
Eine andere mögliche Umkehrung:

Ich bin zu früh.
Auch hier kann ich Beispiele finden: Ich bin zu früh,
weil mein Thema vielleicht viel besser passt, wenn es etwas später als ursprünglich geplant raus kommt.
weil mein Ansprechpartner vielleicht selber noch nicht soweit ist, alle pünktlich zur deadline eingereichten Texte zu sichten und in die Planung einzusteigen.
weil ich den Text nun am Wochenende schreibe und abschicke. Vielleicht genießt mein Ansprechpartner sein Wochenende und arbeitet erst am Montag wieder?

The Work wurde schon als Yoga für den Verstand bezeichnet. Mein Verstand ist nach dieser Übung viel ruhiger. Ich fühle mich sortierter, und tatsächlich mache ich mich gleich an die Arbeit. The Work sei dank!


Der Autor Ulrich Fischer ist Coach für The Work (vtw) und NLP Master (DVNP). Kontakt: ulrich-fischer.info


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