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Ausgabe November 2013
Bewusste Trauma-Arbeit. Oya Erdoan

Ob eine Trauma-Behandlung gelingt, hängt auch davon ab, ob wir an die Möglichkeit unserer Heilung glauben. Die Berliner RPT-Trainerin Oya Erdoan informiert über die Auflösung unbewusster Glaubenssätze und neue Verfahren der Traumatherapie.

Wenn sich ein Mensch dessen bewusst ist, dass er ein Trauma hat und alles daran setzt, es zu klären, dann ist das ein großartiger Schritt. Denn das ist nicht selbstverständlich. Viele Menschen, die traumatisiert sind, würden es sich nie eingestehen und wieder andere würden nie auf die Idee kommen, dass ihr Trauma überhaupt heilbar ist. Begrenzende Auffassungen unterdrücken jedoch die natürlichen Fähigkeiten des Körpers zur Selbstheilung. Die Psychologie spricht bei Trauma meist von einer „seelischen Verwundung“. De facto trägt jeder Mensch Trauma in sich. Bei einem fällt es kaum ins Gewicht, beim anderen prägt es das ganze Leben.
Wer mit Gewissheit von sich sagen kann, er sei frei von Trauma, ist wahrscheinlich schon erleuchtet. Seine Seele – die ihrer Natur nach unverletzlich ist – hat sich verwirklicht: Sie wird als heil empfunden. Oder anders gesprochen: Sie identifiziert sich nicht mehr mit den Einschränkungen und negativen Mustern, die sich in Geist und Körper abspielen. Das ist wahre Freiheit. Und es ist die stille Sehnsucht jeder Seele, diesen Zustand wieder vollständig zu erlangen. Was bedeutet es nun, wenn jemand meint, sein Trauma sei nicht heilbar? Diese Ansicht liefert sehr gute Ansätze für das Verständnis von Traumaheilung, aber auch von Heilblockaden. Blicken wir auf das Wesentliche. Die Person gesteht dem Trauma mehr Macht zu als ihrem Geist (ihrer Seele). Das ist Unwissenheit. Dann ist da der Körper. Aufgrund von ungelöstem Trauma entwickeln sich eine Reihe von Symptomen, die unangenehm erscheinen mögen, doch da sie auch nicht ursächlich geklärt werden, gewöhnt sich der Körper daran und arrangiert sich damit. In der Psychologie spricht man von einem sekundären Krankheitsgewinn. Und tatsächlich kann man immer davon ausgehen, dass es einen unbewussten Vorteil gibt, warum eine Person an ihren Krankheitssymptomen festhält.
Genauso kann auch das Trauma selbst mit einem unbewussten Nutzen assoziiert sein. So kann beispielsweise ein Erwachsener, der als Kind misshandelt wurde, eine Opfermentalität entwickeln, die den Vorteil mit sich bringt, mehr Aufmerksamkeit zu erhalten. Das gibt der Person ein Gefühl von Sicherheit. Hält eine Person unbewusst an ihrer traumabedingten Identität fest, wird es nahezu unmöglich sein, dieses Trauma zu klären. Das beste Heilmittel hier ist: Bewusstheit in die unbewussten Assoziationen hineinzubringen. Damit sind wir auch bei der unabdingbaren Voraussetzung für jede echte, tiefgründige Heilung. Das ist, die persönliche Verantwortung für sich selbst zu übernehmen. Aus diesem Grund ist die nachhaltigste Therapieform jene, die dem Klienten im Zuge der Traumaklärung hilft, wieder sanft in das Bewusstsein von Eigenmacht, von Unterscheidungskraft, von bewusster Wahl und echter Freiheit zu kommen.

Warum Heilung echte Transformation bedeutet
RPT – Reference Point Therapy ... is ... Rapid Personal Transformation – basiert auf diesem Heilansatz und versteht daher Traumaheilung als Bewusstseinssteigerung durch Aktivierung der inneren Ressourcen. Tatsächlich meinen viele Menschen, die ein Trauma „loswerden“ wollen, dass sie danach die gleiche Person minus dem Trauma sein könnten. Wäre das der Fall, dann hätte keine Heilung stattgefunden. Denn Trauma bedeutet per se, dass essentielle Seelenqualitäten, vitale Ressourcen, natürliche Fähigkeiten unterdrückt beziehungsweise niemals aktiviert worden sind. Wird ein Trauma geklärt, steigen eben jene Kräfte und Ebenen des Seins hoch und es stellt sich ein neuer Bewusstseinszustand ein. Das Ziel der Heilarbeit ist nicht, bloß das Trauma zu klären, sondern wieder in den lebendigen Fluss des Lebens einzusteigen, lustvoll zu lernen, über sich hinaus zu wachsen und sich schöpferisch zu entfalten. Oder anders gesprochen: Die Identität einzunehmen, die man wirklich haben möchte, von der man erkennt, dass sie wahre, bleibende Freude vermittelt. Für die Heilung von Trauma ist es zunächst wichtig anzuerkennen, dass es ein Trauma gab, denn das öffnet den Weg für die Anerkennung der unterdrückten beziehungsweise unbewussten Gefühle. Es bedeutet, sich zu erlauben, seine Gedanken und Gefühle pur und unverfälscht wahrzunehmen, ganz ohne Drama und Geschichten. Ein RPT-Klient braucht daher nichts von seinem Trauma zu erzählen. Der RPT Prozess ermöglicht, sich ruhig und besonnen das Wesentliche anzuschauen, nämlich wie die Gefühls- und Reaktionsmuster im Körper verschaltet sind. Die Besonderheit bei RPT liegt darin, noch tiefer zu gehen als nur bis zu den Gefühlen und Emotionen. Die entscheidende Ebene, auf die es ankommt, ist die der Überlebensinstinkte. Denn diese spielen eine elementare Rolle und helfen zu erkennen, warum der Körper unbewusst noch am Trauma festhält. Mit der Klärung – raus aus dem Überlebensmodus, rein ins Leben – kommen die natürlichen Ressourcen wieder zum Vorschein, die Seelenkräfte entfalten sich.
Das Spannende ist, dass Trauma über verschiedene Zugänge geheilt werden kann. Das Wissen, dass eine emotionale Disposition zur Wiederholung eines Trauma führt, erklärt, warum es oft viel sinnvoller ist, zu einem früheren Trauma zurückzugehen. Zumeist ist das eine Erfahrung in der Kindheit. Heilungen auf dieser Ebene sind wesentlich tiefgründiger, als am „aktuellen Trauma“ zu arbeiten.
Doch es gibt noch effizientere Zugänge wie die Arbeit mit Schlüsselereignissen in der Entwicklung. Trauma kann bereits in der Ei- und Samenzelle vorliegen: Jene Energiemuster, die das heranwachsende Leben im Mutterbauch prägen, manifestieren sich später als Lebensmuster. Eine Heilung auf dieser Ebene bedeutet daher die Klärung von ganzen Mustern anstelle von einzelnen traumatischen Erfahrungen. Es bedeutet auch die Wiederherstellung der Schönheit des natürlichen Seinszustandes.
Eigentlich käme jedes Baby schon erleuchtet zur Welt, wenn es nicht in den neun Monaten der Reifung oder bei der Geburt Trauma erfahren würde, das sich in sein Körpergedächtnis einnistet.

Woher kommt pränatales Trauma?
Scheinbar zunächst direkt von der Mutter, aber auch vom Vater. Doch woher haben die Eltern ihr Trauma? Es kommt aus der Ahnenlinie. Und hier zeigt sich, dass wir, ob wir wollen oder nicht, doch viel mehr mit unseren Vorfahren verbunden sind als wir glauben. Die Epigenetik verdeutlicht, warum Trauma, das unseren Groß- oder Urgroßeltern zugestoßen ist, wie etwa Krieg oder Hungersnot, einen konkreten Einfluss auf unser Befinden haben kann. Die Heilung einer solchen gesundheitlichen oder emotionalen Störung wird daher auch die innere Repräsentanz der Eltern und Vorfahren mit einbeziehen und eröffnet damit nebenbei eine weitere Ebene entgrenzenden Bewusstseins.
Indem RPT erkennendes Fühlen und Verstehen in unsere eigene Biologie und die automatischen Körperprozesse bringt, also Bewusstsein in diese Ebenen unseres Seins strömen lässt, findet tiefgreifende Heilung statt. Die Eigenmacht erwacht. Mit jedem Trauma(muster), das geklärt ist, gewinnt auch die Seele wieder mehr Raum, in dem sie ihre leuchtende Kraft, ihre Freiheit und Freude frei entfalten kann.

Oya Erdoan ist RPT Professional Coach und Trainer mit Praxis in Berlin-Charlottenburg. Sie gibt RPT Seminare als Ausbildung für Therapeuten, Heilpraktiker und Coaches, aber auch für Personen, die gerne mit sich selbst arbeiten, um ihre gesundheitlichen und persönlichen Ziele zu erreichen. Weitere Infos auf: www.rpt-berlin.com


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