aktuelle Seite: ARTIKEL   
Ausgabe Juli 2012
Stressbewältigung durch Achtsamkeit; von Christa Spannbauer

Die Verbindung östlicher Weisheit und westlicher Wissenschaft

Auf die Frage nach den Grundregeln der höchsten Weisheit schrieb Zen-Meister Ikkyu einst seine vielzitierten drei Worte in den Sand: „Achtsamkeit, Achtsamkeit, Achtsamkeit.“ Die Achtsamkeitspraxis gilt als der Ausgangspunkt aller östlichen Weisheitswege. Ihre Grundlagen basieren auf 2500 Jahren buddhistischem Geistestraining. Einst in der Abgeschiedenheit buddhistischer Klöster praktiziert, hat die Achtsamkeitsmeditation in den vergangenen Jahren rasanten Einzug in den säkularisierten Westen gehalten. Welch hochwirksames Handwerkszeug uns die buddhistische Geistesschulung liefert, beginnen wir im Westen derzeit erst so richtig zu verstehen und zu wertschätzen. Damit ist die Meditation - lange Zeit als das Hobby von spirituellen Schwärmern und Nichtstuern belächelt - gesellschaftsfähig geworden. Sie hat sich vom Verdacht des passiven Herumsitzens befreit und zeigt sich im achtsamen Nicht-Tun als ein aktives Handeln, das unser psychisches Wohlbefinden und unsere physische Gesundheit fördert.
Vor allem die Methode der „Stressbewältigung durch Achtsamkeit“ (aus dem Englischen: Mindfulness Based Stress Reduction, kurz: MBSR) hat im Westen weite Verbreitung und Anwendung gefunden. Dieses Schulungsprogramm enthält und kombiniert bewährte Meditationsformen und Körperübungen aus der buddhistischen Tradition sowie der Yoga-Praxis und verbindet diese mit modernen psychologischen und naturwissenschaftlichen Erkenntnissen. Zahlreiche internationale Forschungsergebnisse belegen das gesundheitsfördernde und stressreduzierende Potenzial dieser Achtsamkeitspraxis, in der die Weisheit des Ostens und die Wissenschaft des Westens eine äußerst effektive Verbindung eingehen. Gerade wir gestressten Westler profitieren von den Werkzeugen, die uns die östliche Meditationsschulung zur Verfügung stellt. In der Achtsamkeitsmeditation, im Still-Sitzen, im Nicht-Tun kommen wir in direkte Fühlung mit unserem Körper, unseren Gedanken, Gefühlen und Empfindungen und werden uns zugleich unserer Konditionierungen, Anhaftungen und Täuschungen gewahr.

Gelebte Achtsamkeit führt uns dorthin, wo wir nur selten sind: in unser Leben im Hier und Jetzt.
Zwar haben alle Menschen die Fähigkeit, achtsam zu leben, doch im Westen hatten wir lange Zeit kaum Zugang zu Methoden, um Achtsamkeit systematisch zu üben. Was wir heute im Westen „Stressbewältigung durch Achtsamkeit“ nennen, hat seine Wurzeln im buddhistischen Zen und Vipassana sowie dem Hatha-Yoga. Das Verdienst von Dr. Jon Kabat-Zinn, dem amerikanischen Begründer des MBSR-Trainings, ist es, dass er diese östlichen Weisheitswege in eine säkularisierte Sprache und eine wissenschaftlich fundierte Übungspraxis überführte, die westlichen Menschen zugänglich ist. Sein Anliegen war es von Anfang an, den Menschen im Westen den Dharma in einer zeit- und kulturgemäßen Art und Weise nahe zu bringen. Und so gab er dem Ganzen das Logo „Stressbewältigung“, denn er wusste, dass wir im Westen damit etwas anfangen können.

Die Auswirkungen von Stress spüren wir schließlich alle am eigenen Leibe.
So konnte die Achtsamkeitspraxis Einzug in die Gesamtgesellschaft halten. Immer mehr Menschen machen sich die praktischen und alltagstauglichen Achtsamkeitsübungen für ein bewusstes und gesünderes Leben zueigen. Was lange Zeit als getrennt voneinander galt – östliche Weisheit und westliche Wissenschaft –, geht in der Achtsamkeitspraxis eine heilsame Verbindung zum Wohle des Menschen ein.
Die Achtsamkeitsmeditation wird mittlerweile in vielen Gesundheitseinrichtungen und Krankenhäusern praktiziert, MBSR-Kurse an Volkshochschulen ebenso wie in den Führungsetagen der Wirtschaft angeboten. Auf wissenschaftlichen Kongressen diskutieren Experten über die Auswirkungen der Achtsamkeit, Mediziner belegen deren heilenden Effekt auf Körper und Gesundheit und Psychologen auf die Gefühlswelt. Kaum jemand würde heute noch die gesundheitsfördernden und stressreduzierenden Auswirkungen der Achtsamkeitspraxis anzweifeln. Diese Auswirkungen bezeugen weise Menschen zwar bereits seit mehr als 2000 Jahren, doch erst jetzt, da wir wissenschaftliche Beweise dafür haben, beginnen wir dem Glauben zu schenken. Doch so sind wir nun mal, wir kopflastigen Westler. Erst wenn wir blinkende Bilder der Hirnzentren meditierender Mönche im Kernspin sehen, die durch die Meditation aktiviert oder gar vergrößert werden, lassen wir uns davon überzeugen, dass die Meditation etwas bewirkt. Wissen gilt in unserer Kultur seit jeher mehr als Erfahrung. Und was sich in unserem Gehirn abspielt, beeindruckt uns kulturgemäß immer schon mehr als das, was in unserem gesamten darunter liegenden Körper geschieht. Nicht von ungefähr sind es die Neurobiologen, die derzeit in der Gesellschaft höchstes Ansehen, ja geradezu Kultstatus, genießen.
Doch alles Blinken und Forschen und Diskutieren nützt wenig, solange wir es nicht selbst tun. Denn Achtsamkeit ist ein Weg der Erfahrung. Ein Weg, der uns zu dem führen will, wonach wir uns in der hektischen und reizüberfluteten Welt der Gegenwart so sehr sehnen und es so schwer erlangen: innere Balance, Konzentration, Gelassenheit und Ruhe. Die Achtsamkeitspraxis bietet uns hierfür eine Vielzahl praktischer und alltagstauglicher Lösungen im Umgang mit Stress, schmerzhaften Emotionen, körperlichen Schmerzen und schwierigen zwischenmenschlichen Beziehungen. Wir lernen, so die Achtsamkeitslehrerin Linda Lehrhaupt, die Wellen des Lebens zu reiten. Auch wenn wir die Wellen des Lebens, die in Form von Krankheit, Verlust, Stress oder anderen schmerzlichen Erfahrungen auf uns zurollen, nicht aufhalten können, so können wir doch lernen, auf ihnen zu surfen anstatt in ihnen kopfüber unterzugehen. Hierfür gibt die Zen- und Achtsamkeitslehrerin Linda Lehrhaupt den Menschen in ihrem neuen Buch viele bewährte Übungen und Anregungen mit auf den Weg. Auch der vietnamesische Zen-Mönch Thich Nhât Hanh ist seit vielen Jahren ein wahrhaft geduldiger Lehrmeister, der uns zerstreuten Westlern eine Vielzahl von praktischen Achtsamkeitsübungen für den Alltag an die Hand gibt, angefangen beim achtsamen Essen, Duschen, Kochen bis hin zum Telefonieren und Autofahren. All diesen Achtsamkeitsübungen ist zueigen, dass sie in der Beschreibung sehr einfach anmuten, sich in der Praxis jedoch alles andere als easy erweisen. Nicht von ungefähr vergleicht die buddhistische Philosophie unseren Geist mit einer Affenhorde, die immer dann besonders wild wird, wenn wir uns für eine ruhige Achtsamkeitsübung entscheiden. Ein kleiner Trost an dieser Stelle mag sein, dass viele buddhistische Lehrer in der Achtsamkeit eine der wirklich herausfordernden Übungen auf dem spirituellen Weg erblicken. Und auf diesem Weg bleibt einem eines tatsächlich nicht erspart: die Bereitschaft, beharrlich zu üben und sich unverdrossen immer wieder auf das Meditationskissen zu setzen.
Allen zerstreuten Zeitgenossen, die dabei ebenso wie ich immer wieder aus der Achtsamkeit fallen, seien zur Erbauung die Worte von Jon Kabat-Zinn mit auf den Weg gegeben: „Der Moment, in dem Sie bemerken, dass Sie nicht achtsam sind, ist ein Moment höchster Achtsamkeit“.




Die Autorin Christa Spannbauer verbindet als Autorin und Journalistin in ihren Publikationen und Vorträgen die Weisheitswege aus Ost und West mit neuen Wissenschaftserkenntnissen. Sie ist u.a. Herausgeberin der Bücher „Connectedness. Warum wir ein neues Weltbild brauchen“ mit Gerald Hüther und „Es geht ums Tun und nicht ums Siegen“ von Bernard Glassman und Konstantin Wecker. Sie verfügt über langjährige Zen- und Achtsamkeitspraxis. Informationen: www.christa-spannbauer.de

Buchtipp: Linda Lehrhaupt/Christa Spannbauer
(Hg): Die Wellen des Lebens reiten. Mit Achtsamkeit zu innerer Balance.
Kösel 2012.


Weitere Informationen werden im Archiv nicht angezeigt.